Londoner Messe Masterpiece : Kunst als Lebensart

Nicht nur Gemälde, sondern auch Kommoden oder Broschen: Die Londoner Kunstmesse Masterpiece befeuert die Lust am luxuriösen Crossover der Genres.

Eva Karcher

„Mit seiner unerschöpflichen Energie und Disziplin erinnert er mich an einen Samurai.“ Der belgische Kunsthändler Axel Vervoordt deutet in seinem Stand auf die dünnen Nägel, die der Künstler Günther Uecker in den weiß bemalten Holzgrund des kleinen Bildquadrats „Bern“ aus dem Jahr 1968 gehämmert hat. „Für Uecker ist Kunst wie die Spuren von Wunden, die in einen Acker gepflügt wurden. Das hat er selbst so gesagt“, ergänzt Vervoordt. Der Händler ist seit Jahren auch ein sehr erfolgreicher Interior Designer. Für seine Interieurs favorisiert er die Ästhetik des Zen-Buddhismus, und auch seine Messestände inszeniert er mit puristisch-sinnlichen Möbeln, Objekten, Skulpturen und Gemälden.

Seine Koje duftet nach Honig und orientalischen Gewürzen, im gedämmten Licht entfalten die Werke ihre Präsenz erst allmählich: Ein Werk des belgischen Zero-Künstlers Jef Verheyen harmoniert mit einer antikrömischen, vergoldeten Bronzehand und einer Tapisserie aus Aluminium und Kupfer des ghanaischen Bildhauers El Anatsui. „Die Atmosphäre kraftvoller Ruhe“ sollen seine Räume ausstrahlen, erklärt Vervoordt den eklektischen Mix der Stile und Epochen, den er seit vielen Jahren kultiviert. Eben dieser Eklektizismus, den er mit dem Sampling eines DJs vergleicht, treffe den Nerv der Zeit, glaubt Philip Hewat-Jaboor, der Präsident der Masterpiece London.

Zum neunten Mal findet die Messe im Mitteltrakt des Hauptgebäudes des Royal Hospital Chelsea statt, einem Altersheim für Veteranen der britischen Armee. 160 Händler, davon zwei Drittel aus London, der Rest aus Europa und den USA stammend, zelebrieren in der mit breiten Gängen, dicken Teppichen, gepolsterten Ruhebänken, üppigen Blumenbouquets und großzügig dimensionierten Ständen ausgestatteten Halle das Prinzip des „Cross-Collecting“, wie es Hewat-Jaboor nennt. Der frühere Art Advisor beobachtet ein wachsendes Interesse vermögender Kunden an gestalterischen Gesamtkonzepten. „Sie wollen nicht nur Bilder von Picasso oder Warhol kaufen, sondern sich inspirieren lassen. Vielleicht noch eine Chippendale-Kommode entdecken oder eine Diamantenbrosche“.

Qualität über Genres und Historien hinweg

Kunst als Lebensart zu inszenieren und Bilder, Schmuck, Möbel, Lampen, Teppiche und andere Pretiosen mit jenem Know-how zu kombinieren, das Qualität über Genres und Historien hinweg erkennt, ist tatsächlich ein Trend, der immer mehr Wohlhabende beschäftigt. „Die Masterpiece London bietet ihnen einen anschaulichen Unterricht“, so Hewat-Jaboor. Als ultraluxuriöse Shopping Mall, kuratiert von Experten des Raren, Teuren und Schönen, könnte man die Messe charakterisieren. Und tatsächlich ergänzt sich der mondän gleißende Stand der Londoner Juwelierin Alisa Moussaieff effektvoll mit dem kobaltroten Garngeflecht der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota, das den Stand der in London und Berlin ansässigen Galerie Blain Southern in einen Kokon verwandelt (Rund 300 000 Euro). Oder mit der Schafherde des französischen Künstlers Francois-Xavier Lalanne am Stand des Pariser Händlers Jean David Botella (Preise je Skulptur: 220 000–490 000 Euro).

Auch prominente Namen reihen sich neu ein wie Landau Fine Art aus Montreal und Hauser & Wirth. Der kanadische Händler, der inzwischen auch in Meggen in der Schweiz eine Dependance führt, beschränkt sich auf eine Auswahl seiner Gemälde, darunter das kleinformatige intime Porträt von Pablo Picassos Geliebter Francoise Gilot „Femme Assise“ aus dem Jahr 1953. Der kolportierte Preis liegt im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Hauser & Wirth kuratieren dagegen erneut eine „Wunderkammer“, die Bilder und Objekte aus verschiedenen Zeiten und Kulturen zusammenbringt. Diesmal sind es Möbel wie ein achteckiger Tisch der Falcini Brothers, der um 1845 in Florenz entstand. Und monumentale Gemälde von Guillermo Kuitca oder Martin Kippenberger, denen Miniaturskulpturen von Louise Bourgeois und Hans Arp gegenübergestellt werden.

Dessen „Cuillère et nombrils“ aus dem Jahr 1928 wurde während der Vorbesichtigung der Masterpiece für 1,5 Millionen Euro verkauft. „Hier lernen wir Kunden kennen, die wir auf den anderen Messen nicht treffen“, konstatiert Neil Wenman als Direktor von Hauser & Wirth, das frühe Verkaufsergebnis.

Installation vom Performancestar Marina Abramovic

Zumindest auf Reservierungen kann Ludorff aus Düsseldorf verweisen, neben der Frankfurter Galerie „Die Galerie“ der zweite deutsche Teilnehmer. Highlight an dessen Stand ist Otto Müllers 1919 entstandenes Gemälde „Russisches Mädchenpaar“, dessen Preis im mittleren einstelligen Millionenbereich siedelt.

Am Ausgang zieht die Installation „Five Stages of Maya Dance“ von Performancestar Marina Abramovic den Besucher in ein Spiel aus Anziehung und Abstoßung. Je nach Position erlebt er das Gesicht der Künstlerin auf fünf Paneelen LED hinterleuchtet als verstörende Grimasse oder transformiert in eine surreal morbide Landschaft. Abramovicz weist den Weg aus der Komfortzone.

Masterpiece London, Royal Hospital Chelsea; bis 5.7., www.masterpiecefair.com

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