„Lovebomb“ beim Märzmusik-Festival : Nach acht im Urwald

Auf so ein anspruchsvolles Programm muss man sich einlassen wollen: Terre Thaemlitz' Werk „Lovebomb“ beim Märzmusik-Festival.

Elias Pietsch
Die Trans-Künstlerin Terre Thaemlitz
Die Trans-Künstlerin Terre ThaemlitzFoto: Wak Hideaki / Berliner Festspiele

„Art is unavoidably work“ – Kunst ist unvermeidlich Arbeit. Das Zitat begrüßt den Besucher des Märzmusik-Festivals schon am U-Bahnhof Spichernstraße. Es stammt von Terre Thaemlitz, deren Werk „Lovebomb“ am Mittwoch im Zentrum des Konzerts im Haus der Berliner Festspiele steht. Die herausfordernde These der Transgender-Künstlerin macht dem Publikum ganz gut klar, mit welcher Einstellung man sich dem Abend am besten nähert. Auf so ein Programm muss man sich einlassen wollen.

Am Anfang stehen zwei Werke der 1982 geborenen amerikanischen Komponistin Ashley Furer. Das erste, „Anima,“ ist ein Streichquartett, jedoch kein gewöhnliches. Die vier Musiker des Sonar Quartetts benutzen außer ihren Bögen auch mobile Transducer oder Wandler, um den beiden Geigen, der Bratsche und dem Cello ganz besondere Klänge zu entlocken. Ein weißes Rauschen strömt aus den Lautsprechern, während die Musiker die Wandler über ihre Instrumente bewegen, die sie zusätzlich klopfend und hämmernd bearbeiten. Das Ergebnis erinnert mehr an elektronische Musik denn an ein Streichquartett. Da sind einerseits Geräusche der Großstadt, dann wieder muss man an tierische Laute denken, an einen Urwald. Wer sich auf Ashley Furers verrauschte Klangwelten einlässt, der entdeckt Unerhörtes.

Liebe als Rechtfertigung für Gewalt

Nach der Pause betritt Terre Thaemlitz nur mit einem Laptop die Bühne. Bevor es losgeht, gibt die Avantgarde-Musikerin eine kurze Einleitung in das Thema von „Lovebomb“. Liebe sei starken kulturellen Unterschieden unterworfen und oft eine Rechtfertigung für Gewalt aller Art – eine recht negative Sicht der Dinge. Musikalisch ist „Lovebomb“ äußerst vielschichtig: Ambient-Flächen folgen auf Sprach- und Songsamples, an Brian Eno erinnernde Klavierklänge werden von scharf verzerrten Sounds durchbohrt. Faszinierende Soundflächen entstehen, ergänzt um eine visuelle Collage auf der Leinwand. In den besten Momenten erschließt sich im Zusammenspiel der Medien ein anregendes Bild, oft weiß das Publikum aber auch nicht, wo es zuerst hinhören und hinsehen soll. Am Ende schwirren einem zahllose Assoziationen durch den Kopf: Diese Musik ist tatsächlich Arbeit, im besten Sinne.

Das Märzmusik-Festival präsentiert bis zum 25. 3. Konzerte unter anderem im Kammermusiksaal und im Kraftwerk Berlin.

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