Loyle Carner im Cassiopeia Berlin : So Oldskool wie seine Vans

Der Rapper aus Südlondon präsentiert sein neues Album "Not Waving, But Drowning". Statt über Geld und Drogen, reimt er von seiner Mutter.

Alexandra Ketterer
Loyle Carner rappt am liebsten über seine Mutter.
Loyle Carner rappt am liebsten über seine Mutter.Foto: Andere

Mehrere Londoner Lässigkeitswellen überrollen das Publikum. Arme schwenken aus einem bouncenden Körpermeer heraus. Schon zu den ersten Beats von „Ice Water“ wiegt sich die Menge. „Not Waving, But Drowning“, heißt das neue Album von Loyle Carner. Den Titel hat er von einem Gedicht der britischen Schriftstellerin Stevie Smith geklaut. In dem kämpft ein Mensch gegen die Strömung an, während seine Freunde denken, er würde ihnen sorglos zu winken. Doch wenn jemand während Loyle Carners Konzert ertrinkt, dann nur in Schweiß und Freudentränen.

„This is as trappy as it gets, so you better enjoy it“, sagt Loyle Carner, bevor die ersten Beats seines Tracks „Desoleil (Brilliant Corners)“ ertönen. Denn für Trap steht der Rapper aus Südlondon eigentlich nicht. Schlagartig berühmt wurde er 2014 durch den jazzigen 90er- Jahre- Hiphop auf seinem Debütalbum „Yesterday`s Gone“. Der Sound erinnert an Rapper wie Mos Def und Talib Kweli. Über gemächliche Beats legt er souligen Gospel und Bassläufe. Carners Songs sind so cool und nostalgisch wie die Vans Old Skool Sneakers, mit denen er über die Bühne des Cassiopeia tanzt.   

Die bekannten Feature-Stimmen, des neuen Albums mixt Producer und Kindheitsfreund Rebel Klaff dazu. „Die sind ja viel zu berühmt, um mit mir auf einer Bühne zu stehen“, grinst Carner wenn er über seine Freunde Tom Misch und Sampha redet. Das ist deshalb nicht so schlimm, da das Publikum sowieso jeden Refrain lautstark mitsingt. Auch tröstet die Band und besonders Ashley Henry am E-Piano mit seinen himmlischen Soli darüber hinweg, dass Samphas Vocals ziemlich effektlos im Raum untergehen.  


Carner spielt Songs die seinen Helden, den Köchen Antonio Carluccio und Yotam Ottolenghi gewidmet sind. Schon als Kind sah er die Kochshows der italienischen Kochlegende. Ottolenghis Kochbuch „Jerusalem“ inspirierte ihn zu dem gleichnamigen Song auf seinem neuen Album. Er rappt über den Tod seines Stiefvaters, die eigene „mixed race identity“ und den Umgang mit seiner ADHS. Zwischendrin entschuldigt er sich noch für den Brexit. Er ist und bleibt Europäer, ruft er. Das Publikum jubelt. Und ja, natürlich geht es auch um seine Mama. Mit Songs wie „Florence“ und „Dear Jean“ hat sich Carner den Ruf eines Muttersöhnchens erarbeitet. Doch das ist auch das Erfrischende: statt über Geld, Frauen und Drogen zu rappen, schreibt er Gedichte über die eigene Unsicherheit und die Person, die ihm am wichtigsten ist. Jean Coyle-Larner muss die coolste Frau der Welt sein.

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