Gratwanderung zwischen Redundanz und Reduktion

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László Krasznahorkai und "Die Welt voran" : Nur Gott darf Punkte setzen
Suche nach dem Moment, in dem die Welt stillsteht. László Krasznahorkai.
Suche nach dem Moment, in dem die Welt stillsteht. László Krasznahorkai.Foto: EPA/Gyula Czimbal/dpa

„Seiobo auf Erden“ war die globale tour d’horizon überschrieben, in der er zuletzt die Spuren künstlerischer Traditionen von Griechenland bis nach Japan auflas, immer bemüht, eine Schönheit zu beleben, die im Lauf der Jahrhunderte ausgeblichen war. „Die Welt voran“ sammelt nun Erzählungen, die Krasznahorkais Formen, Strategien und Themen erneut entfalten. Nicht von vornherein als Ganzes angelegt, ist der Band in der Abfolge seiner drei Teile doch komponiert.

„Redet“ enthält unter anderem einige kürzere Stücke, die das klaustrophobische Auf-der-Stelle-Treten und die daraus erwachsenden Fluchtimpulse in einer beklemmend abstrakten Gedankenprosa abhandeln. „Erzählt“ fügt ihnen die Farben, Gerüche und Geräusche ferner Schauplätze hinzu: den Mammutkreuzung des Nine Dragon Crossing in Schanghai oder den Marmorstaub eines portugiesischen Bergwerks, während „Verabschiedet sich“ auf einer halben Seite eine Transzendenz beschwört, die man wie immer bei Krasznahorkai als totale Immanenz denken muss.

Man darf dabei nicht jeden Satz für bare Münze nehmen. „Mein Gott“, heißt es etwa im Titeltext über Kontingenz und Notwendigkeit der Geschehnisse vom 9. September 2001, „wie alt meine Sprache ist, in der ich jetzt sprechen könnte, wie heillos alt, wie ich aneinanderreihe, wie ich drehe und wende, wie ich sie voranschleppe und -zerre, wie ich sie quäle und, ein uraltes Wort an das andere reihend, vorankomme, wie nutzlos, wie machtlos, wie plump ist diese Sprache, die ich habe, und wie wundervoll ist sie doch gewesen, wie glänzend, wie geschmeidig und wie treffend und erschütternd, die jetzt ihren Sinn, ihre Kraft, ihre Weite und Genauigkeit sämtlich und restlos verloren hat.“ In der Selbstbezüglichkeit solcher Klagen liegt bereits ein Stück Selbstwiderlegung.

Die Gratwanderung zwischen Redundanz und Reduktion ist das Geschäft jeder Literatur. Anders als die Sprache der Wissenschaft formuliert sie, auch wo sie sich auf Tatsächliches bezieht, nicht einfach wahre oder falsche Aussagen. Was sie darstellt, reichert sie mit Bildern und Vergleichen an. Sie ist kalkulierter Überschuss, dabei aber zugleich auf die Abkürzung des Verstehens aus. Ihre Ökonomie besteht in gewissem Maß also in ihrer Nichtökonomie. So sind die großen Romane des 19. Jahrhunderts, von Balzac, Tolstoi oder dem von Krasznahorkai einst verehrten Dostojewski, wie Roland Barthes in „Die Lust am Text“ erklärt hat, gar nicht darauf angelegt, Wort für Wort gelesen zu werden. „Gerade der Rhythmus zwischen dem, was man liest, und dem, was man nicht liest“, macht für ihn das Glück der Lektüre aus.

Krasznahorkais Redundanz ist von anderer Art. Sie rast und kriecht voran im trügerischen Gleichmaß einer aus den Fugen geratenen Welt, die nie im Lot war, und sie verflüssigt alles Erstarrende, das ihr begegnet. Ein Heer von Wortwiederholungsfiguren, insbesondere Anaphern, bewegt seine Sätze voran. Sie stecken voller Inquit-Formeln, es wird gesagt und gefragt und fortgeführt, dass es ein Fest für streichwütige Lektoren sein müsste. Doch jede Aufforderung zum „Sag’s kürzer“ würde in diesem Idiom nicht unbedingt dazu führen, es besser zu sagen. Von Hauptsatz schwingt es sich zu Hauptsatz. Nur Gott, sagt Krasznahorkai gerne, dürfe Punkte setzen. Der Mensch müsse mit Kommata vorlieb nehmen.

In ihren besten Momenten leistet diese Literatur sogar etwas Mimetisches. Wenn sich der Erzähler von „Ein Tropfen Wasser“ durch das Gedränge im indischen Varanasi bewegt und mit zunehmendem Ekel jene unmerklichen Berührungen spürt, mit denen geschäftstüchtige Menschen auf sich aufmerksam machen wollen, um ihm irgendeinen Unsinn anzudrehen, wird einem im Geschiebe des einen, über 35 Seiten aufgespannten Satzes, auf den eine kurze Coda folgt, selbst ganz seltsam zumute.

Doch was passiert unterwegs nicht alles. Man bestaunt die Verrenkungen eines Sadhus, blickt auf den Ganges, der „verreckte Hunde und tote Menschen, schimmlige Leinenstücke und Coca-Cola-Dosen, zitronengelbe Blütenblätter und Bootskiele mit sich schwemmt“, und begegnet unter Tausenden von Hindus plötzlich einer Art fettleibigem Buddha, der an den Ufern des heiligen Flusses eine Theorie des Wassertropfens und seiner Oberflächenspannung entwickelt, die auch eine Philosophie des Wortes und der Sprache sein könnte. „Ein außerordentlicher Stoff, ein Urelement, das seine innersten Geheimnisse bewahrt“, und das in allen Aggregatszuständen. Wasser „speichert neben seinen zahlreichen Anomalien Informationen, Informationen in endloser Menge, das heißt, Wasser weiß von allem, was auf der Erde geschehen ist und geschieht“.

„Die Zukunft, sie ist das Alte“, das Motto der Schanghai-Erzählung, verhält sich dazu wie eine Paraphrase, ebenso der erste Satz von „Nicht auf Heraklits Weg“: „Die Erinnerung – ist die Kunst des Vergessens.“ Das Immergleiche treibt das ewig Andere hervor: In seinen Erzählungen gewinnt László Krasznahorkai diesem zirkulären Prinzip wieder erstaunliche Variationen ab.

László Krasznahorkai: Die Welt voran. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2015. 409 Seiten, 21,99 €.

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