In der Mitte der Chang'an: der Platz des Himmlischen Friedens

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Lu Hao in Berlin : Ost-Rest-Achsen
Peking. Hier ist die Chang’an-Allee in Peking zu sehen, die Straße des Ewigen Friedens, die zum Platz des Himmlischen Friedens führt. Lu malte sie auf 50 Metern Seide.
Peking. Hier ist die Chang’an-Allee in Peking zu sehen, die Straße des Ewigen Friedens, die zum Platz des Himmlischen Friedens...Foto: © Sammlung Sigg, Schweiz

Jiehua ist eine gute Technik zur Darstellung von Windchill-Leere. 1940 gab es noch 8000 Tempel und Denkmäler in Peking, etwas später war in den „Tempel der gepflegten Weisheit“ eine Drahtfabrik eingezogen, im Tempel des Feuergottes wurden Glühbirnen hergestellt. Von den meisten aber blieb keine Spur, schon gar nicht, wenn sie der Chang’an im Weg standen. Die Chinesen nennen sie noch heute ihre „Prachtstraße“, mit dem Platz des Himmlischen Friedens in der Mitte.

2005 begann Lu Hao, die Straße des Ewigen Friedens zu porträtieren. Er brauchte 50 Meter Seide dafür, auch diese Rollbilder sind in der Dahlemer Ausstellung zu sehen. Die Chang’an-Allee fand nie die frühe Einheitlichkeit ihrer Geschwisterstraße, auch darum blieb sie am Leben, zwischen Aufbau und Abriss. Kein Chinese wäre je auf die Idee gekommen, sie „Maos Badewanne“ zu nennen.

Der Hauptarchitekt der Karl-Marx-Allee war Richard Paulick, Anfang der 1930er Jahre Assistent am Bauhaus Dessau. Er ging nach China ins Exil. Auch Hermann Henselmann, der den Strausberger Platz und das Frankfurter Tor entwarf, kam vom Bauhaus. Als die Arbeiterpartei seine ersten Entwürfe sah, belehrte sie ihn, dass die Arbeiterklasse nicht mehr in Notunterkünften, sondern in Palästen zu wohnen gedenke. So kam der Wedding- Cake-Stil nach Friedrichshain, auch sozialistische Klassik genannt. Jeder kleine König hat Säulen und Türme. Die wollte das Volk, der große König, jetzt auch. Wenn es sein musste, sogar gefliest.

Alles für das Volk

Der Herbst 1989 begann im Mai. Am 1. demonstrierte das Volk ein vorletztes Mal in der Karl-Marx-Allee missmutig an der Partei- und Staatsführung vorüber. Auf einem roten Spruchband stand in weißen Buchstaben, wie sich die SED die Rolle des Volkes dachte: „Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alle ... das Volk.“ Das Wort nach „alle“ ist nicht zu erkennen auf einem Foto des Amerikaners Edward G. Murray, ein riesiger Lautsprecher verdeckt es.

Auch Murray demonstrierte an diesem Tag versehentlich an der Partei- und Staatsführung vorbei, er war gerade auf der Flucht vor der Volkspolizei wegen illegalen Geldtauschs: „Die Menschenmenge ... geriet plötzlich in Bewegung … Ich dachte, die einzige Möglichkeit, Schwierigkeiten zu vermeiden, sei es zu fotografieren, als ob ich damit beauftragt sei.“ Am 1. Mai 1989 betraten die Chinesen die Chang’an längst so, wie es nie vorgesehen war: im eigenen Auftrag. Nur vierunddreißig Tage später strömten sie zum letzten Mal auf den Platz des Himmlischen Friedens.

„Lu Hao: Karl Marx und Ewiger Frieden: Bilder zweier Prachtstraßen in Peking und Berlin“, bis 17. Juni im Museum für asiatische Kunst Dahlem, Lansstraße 8.

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