• Ludwig Windstosser im Museum für Fotografie: Die Bilder erzählen eine kompromisslose Erfolgsgeschichte

Ludwig Windstosser im Museum für Fotografie : Die Bilder erzählen eine kompromisslose Erfolgsgeschichte

Wirtschaftswunder auf Speed: Eine neue Schau zeigt erstmals einen repräsentativen Ausschnitt aus dem Werk des Industriefotografen Ludwig Windstosser.

Westdeutsch, wachstumsgläubig, chauvinistisch. Die Bilder von Ludwig Windstosser. Hier: „Lauffenmühle“, ohne Datum, Farbpapier.
Westdeutsch, wachstumsgläubig, chauvinistisch. Die Bilder von Ludwig Windstosser. Hier: „Lauffenmühle“, ohne Datum, Farbpapier.Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Ludwig Windstosser

Zwei Stahlschächte stürzen von der Decke. Schwarz heben sie sich von den hellen Fliesen des Bodens ab, den sie durchstoßen. Aus hohen Fenstern flutet gleißendes Sonnenlicht. Die schmalen Fassungen bilden ein scharfes Raster, vor dem sich ein mächtiger Schaltkasten mit einer Unzahl an Armaturen auftürmt.

Klein und unscheinbar wirkt nur der Mensch. Er steht vor dem Schaltkasten, Klemmbrett im Arm, Sicherheitshelm auf dem Kopf. Um ihn legt sich die gigantomanische Struktur der Stahlschächte, Mauern und Apparate. Ein Wesen überformt von der vulgären Allpräsenz der Maschine.

„Schaltpult, Firma unbekannt“ steht in der Beschreibung. Aufgenommen hat das Bild Ludwig Windstosser, Industriefotograf aus der Zeit des Wirtschaftswunders. Seit 2007 verwahrt die Berliner Kunstbibliothek seinen Nachlass im Museum für Fotografie. Die Objektzahlen liegen im sechsstelligen Bereich, über zehn Jahre hat eine erste wissenschaftliche Bearbeitung in Anspruch genommen. Die neue Schau im Museum zeigt nun erstmals einen repräsentativen Ausschnitt aus Windstossers Werk.

Windstosser und sein Œuvre sind Kinder des 20. Jahrhunderts. 1921 geboren, erlebt er noch die Spätphase der Weimarer Republik. In der NS-Zeit macht er 1937 seinen Realschulabschluss, bei Bosch absolviert er eine Mechaniker-Lehre. 1940 zieht ihn die Wehrmacht ein, schickt ihn an die Ostfront, in Schlesien wird er schwer verletzt.

Anfänge mit der Gruppe fotoform

Die Kamera begleitet den jungen „Photoamateur“ seit seinem 15. Lebensjahr. Ein Fotoalbum aus dieser Zeit ist in einer Vitrine am Anfang der Ausstellung zu sehen. Auf der aufgeschlagenen Doppelseite finden sich Alltagsszenen: Ein Junge raucht, ein anderer isst einen Maiskolben, einige Männer lagern im Gras.

Die Inszenierung mit weiteren Dokumenten wirkt pflichtschuldig, eine Art Vorgeschichte im Schnellgang. Windstosser und seine Frau in Porträtaufnahmen, Bilder von ihm in der Werkstatt des Stuttgarter Fotografen Adolf Lazi, bei dem er nach dem Krieg in die Lehre geht.

Das eigentliche Leben des Fotografen beginnt, so das Narrativ der Ausstellung, mit der Gründung der Gruppe fotoform. Die Bilder der sechs, später acht Künstler sind geprägt von technischer Experimentierfreude mit Langzeitbelichtung, Negativ-Druck oder Montagen. Zugleich organisiert sich die Gruppe auf radikal neue Weise. Die Mitglieder schicken einander vor fotoform-Ausstellungen Abzüge ihrer Bilder und kritisieren sich gegenseitig. Nur wenn ein Foto den Ansprüchen aller Mitglieder genügt, darf es ausgestellt und danach verkauft werden.

Auch im Sujet zeigt sich die enge Zusammenarbeit. Die Bilder fokussieren sich auf Form und Struktur. Die Individualität der Dinge unterwirft sich bis zur Auflösung: Windstossers „Börsentage von Florenz“ zeigen ein Meer von menschlichen Körpern, Hüten und Regenschirmen auf der hell schimmernden Piazza, Peter Keetmans „Spiegelnde Tropfen“ abstrahiert einen Rote-Bete-Salat aufs anonyme Schimmern einiger Fettblasen im Wasser.

Ludwig Windstosser: „Aral“, Benzin-Raffinerie, 1967, Farbpapier.
Ludwig Windstosser: „Aral“, Benzin-Raffinerie, 1967, Farbpapier.Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Ludwig Windstosser

Fokus auf die Industriefotografie

Fotoform existiert nur kurz. 1957 löst sich die Gruppe auf. Windstosser konzentriert sich nun ganz auf die Industriefotografie, porträtiert die dampfenden Schlote von Aral, endlosen Papierbahnen in den Fabriken von Scheufele, die Korrekturleser der „Stuttgarter Zeitung“.

„Ich würde ihn in dieser Tätigkeit nicht als Künstler bezeichnen, er hätte das vermutlich selbst nicht getan“, sagt Ludger Derenthal, Kurator der Ausstellung. Die Fotos waren Auftragswerke für Jubiläumsbände oder Messeauftritte. Die Ausstellung zeigt, dass die ästhetischen Vorstellungen aus fotoform-Zeiten auch die Industrie-Fotos prägen.

[Museum für Fotografie, Jebenstr. 2, bis 23. Februar. Di bis So 11 – 19 Uhr, Do bis 20 Uhr.]

Die Bilder sind auf die Effizienz der Maschine fokussiert, ihre Schnelligkeit, ihre Massigkeit. Menschen sind auf Windstossers Bildern Ornament. Sie beobachten und kontrollieren, aber sie handeln fast nie. Und wenn sie es doch tun, dann als Maschine aus Fleisch und Blut, als entindividualisiertes Element eines größeren Prozesses. Wirtschaftswunder auf Speed, Tierversuch, Funkenschlag und Schlotromantik inklusive.

Ludwig Windstosser: „Mannesmann“, ohne Datum, Farbpapier.
Ludwig Windstosser: „Mannesmann“, ohne Datum, Farbpapier.Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Ludwig Windstosser

Windstosser feiert den Zeitgeist auch auf eigene Initiative. Neben Fabrik und Fließband publiziert er eine Reihe von großformatigen Stadtporträts. Die Ausstellung zeigt einige Highlights aus Stuttgart und Berlin. Den Aufschwung findet er im Resteverkauf des KaDeWe und im Blick übers nächtliche Berlin. Auch die innerdeutsche Grenze taucht auf – grau und im Nebel. Die Gebäude „drüben“ sind nur schemenhaft zu erahnen.

Windstossers Bilder im Museum für Fotografie erzählen eine kompromisslose Erfolgsgeschichte: Westdeutsch, wachstumsgläubig, chauvinistisch. Die Gastarbeiter, Motoren des Wirtschaftswachstums, kommen nicht vor. Das Foto von dem kleinen Menschen vor dem großen Schaltpult, "Firma unbekannt", scheint zu dieser Linie zu passen.

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Stünden da nicht die Zeilen auf Rückseite des Fotos "Einer überwacht viele Maschinen: Technik und Wissenschaft befreien den Menschen von schwerer Arbeit, von Hunger und Elend. Sind wir dadurch jedoch nun glücklicher geworden?" Es bleibt das einzige Fragezeichen in dieser Ausstellung.

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