Baudrillard, Biolek - und Patrick Lindner

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Lützowstraße forever : Das Kumpelnest 3000: Die Amüsiermaschine
Oliver Koerner Gustorf
Tanzen, trinken, rauchen, abstürzen. Das Kumpelnest hat sich seit dem 1. Mai 1987 kaum verändert.
Tanzen, trinken, rauchen, abstürzen. Das Kumpelnest hat sich seit dem 1. Mai 1987 kaum verändert.Foto: Kilian-Davy-Banjart

Das Kumpelnest war snobistisch, bis zur Unerträglichkeit arrogant – und radikal demokratisch. Während die Barkeeper nackt oder gar nicht bedienten oder die Gäste arbeiten ließen, durfte jeder rein: Stricher, Stars, Nutten und Notare. In den Anfangsjahren habe ich das Kumpelnest wie eine hedonistische, von Drogen und Alkohol angetriebene Denk- und Amüsiermaschine erlebt. Wenn man am frühen Abend kam, roch es nach altem Rauch, Kaffeesatz und fauliger Zitrone. Doch dann sprang der Motor an. Gäste wie der Kulturjournalist Harald Fricke, Redakteure des benachbarten Tagesspiegels oder die Verleger des Merve Verlags diskutierten hier. Szenegänger, Obdachlose und Prominente stießen hinzu. Das Kumpelnest war extrem – wohl der einzige Ort der Welt, an dem man Jean Baudrillard, Gitte, Alfred Biolek, Heiner Müller, Anne Will, Tom Kummer oder Patrick Lindner treffen konnte. Auch Karl Lagerfeld entdeckte das Kumpelnest und fotografierte dort Gunter neben Claudia Schiffer.

Die Tödliche Doris arbeitete in Miniröcken und füllte den Laden mit Kunstnebel. Mitten in der Nacht musste Nikolaus mit Hexenschuss und rotem Röckchen in embryonaler Haltung ins Krankenhaus transportiert werden. Wolfgang und ich starteten die Ausstellungsreihe „10 Tage im Leben“, bei denen jeder Abend von einem anderen Künstler gestaltet wurde, etwa auch von Marc Brandenburg. Er begann fast zeitgleich mit mir hinter der Bar zu arbeiten. Die Menschentrauben vor dem Laden wurden größer, Flaschen flogen aus den Fenstern der Anwohner. Reisegruppen strömten. Welten prallten aufeinander: Marc, der bei der Arbeit eine mit Nieten gespickte Ledermaske und Nadelstreifenanzug trug, bediente schwäbische Männergruppen in Bequemschuhen. Die Mauer fiel, die Szene, vor allem die Kunstszene zog es nach Mitte. Nikolaus erkrankte an den Folgen von HIV.

Tanzen, reden, rauchen

Eine der Ersten, die ging, war Sabina. Sie nahm die Kasse mit und verschwand nach New York. Sie schickte uns eine Postkarte mit einer Boeing, aus der Geldscheine flattern. Mark Ernestus nahm es gelassen, wie alles. Mit den Einnahmen des Kumpelnests hatte er bald den Plattenladen „Hard Wax“ eröffnet und mit Moritz von Oswald Basic Channel gegründet, eines der progressivsten deutschen Techno-Labels der 90er.

Das Kumpelnest selbst ist sich treu geblieben. Es widersteht beharrlich jeder Konvention. Auch wenn die Gastronomie vielleicht etwas gepflegter ist, ist dies nach wie vor ein Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Menschen treffen, um zu tanzen, reden, rauchen, einander abzuschleppen und gemeinsam abzustürzen.

Der Autor war von 1989 bis 1999 Barkeeper im Kumpelnest 3000 (Lützowstraße 23, Tiergarten). Heute ist er Kunstjournalist und betreibt den Projektraum September in der Adalbertstraße. Zum Jubiläum veranstaltet das Kumpelnest ab 26. 4. einen Party-Countdown, am 1. Mai steigt die große Geburtstagsparty mit Zazie de Paris, Rummelsnuff und Gérôme Castell. Weiteres unter www.kumpelnest3000.com.

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