Kultur : Luftnummer Europa

Airports, Abflüge, Akzente: Wie Billigfliegen das Denken verändert und süchtig macht

Jens Mühling

Neulich in Schönefeld, kurz vor dem Abheben: Eine betörende Lautsprecherstimme fordert die Fluggäste auf, konzentriert dem pantomimischen Ballett dreier Stewardessen zu folgen, die im Mittelgang lächelnd den Umgang mit Schwimmwesten und Atemmasken erläutern. Auch erfahrene Vielflieger, mahnt die Stimme, sollten sich die x-te Wiederholung dieses Rituals zu ihrer eigenen Sicherheit nicht entgehen lassen.

Welch überflüssige Mahnung! Gerade für Vielflieger ist die Sicherheitsroutine ein Fest der Sinne, dessen Nuancen sich erst dem intimen Kenner erschließen. Wenn Schwimmwesten uniformierte Hüften umschließen, wenn Stewardessenwimpern über Atemmasken klimpern, lehnt der versierte Passagier sich zurück und – lauscht.

Ganz unerhörte Klänge umschmeicheln nämlich das Ohr des Reisenden, seit sich vor ein paar Jahren der Himmel über Europa geweitet hat – und mit ihm der Arbeitsmarkt für Flugbegleiterinnen. Wenig wussten wir zuvor von der anmutigen Intonation tschechischer Muttersprachlerinnen, noch weniger vom bezaubernden Akzent der Zypriotinnen. Erst stutzten wir noch über das rollende „r“, das die englischsprachigen Lautsprecherdurchsagen östlicher Himmelsgefilde durchzog, auch verwirrte uns das kecke Französisch der Baltinnen. Bald aber hörten wir uns ein, und was wir hörten, entzückte uns. Heute schaudern wir wohlig, wenn Bulgarinnen Brötchen anbieten, und nichts geht uns über den säuselnden Slang der Sloweninnen. Fiebernd erwarten wir den magyarischen Zungenschlag beim Sitzgurt-Check über Budapest, zitternd das wollüstig gelallte „l“ der Lettinnen, das besonders gut zur Geltung kommt, wenn zwischen Riga und Paris „de l’eau“ serviert wird.

Geheimtipp für Gourmets: Bei „airBaltic“ soll neuerdings eine Rumänin arbeiten, die mütterlicherseits aus Skandinavien stammt, väterlicherseits aber slawisches Blut hat. Man sagt, dass selbst die Piloten seufzen, wenn sie Estnisch spricht.

East Midlands Airport zum Beispiel, absolut in the middle of nowhere. Das so genannte Billigfliegen, das ja nur billig ist bei früher Buchung und außerhalb von Ferienwochen, bringt einen an Orte, an die man im Leben nie denkt. Und sterben, naja, dafür geht’s klassisch lieber nach Neapel. East Midlands – die nächste größere Stadt ist Nottingham – gehörte im Zweiten Weltkrieg der Royal Air Force. East Midlands, eigentlich doch ein schöner Name, ist eine Baustelle, ein Provisorium, das die Umrisse der projektierten Shopping Mall erahnen lässt.

Die Zukunft der Fliegerei: Tickets werden bald gar nichts mehr kosten, dafür Sicherheitssteuern und Kerosinzuschläge umso mehr, und die Airlines machen ihr Geschäft mit Glücksspielen an Bord. Wie in den großen Casinos in Atlantic City oder Las Vegas. Man kommt umsonst rein – und teuer wieder heraus. RyanAir verkauft Rubbellose, das ist nur der Anfang. Bingo in 30 000 Fuß Höhe, die Stewardessen, die angezogen sind wie das Servicepersonal in Fast Food Stations, rufen Nummern auf; Gejohle und Applaus auf den billigen Plätzen, und da gibt es hier ja keinen Unterschied. Business Class beim Billigfliegen heißt, als Erster einsteigen, dafür bezahlt man ein paar Euro drauf. Cheap thrills.

Seltsam, dass die Sitze sich nicht verstellen lassen. Man fühlt sich wie ein Bügelbrett zu Hause in der Abstellkammer. Der Nebenmann weiß, dass die Airline an einem Konzept mit Stehplätzen arbeitet. So stopfen die noch mehr Leute in die Kisten. Er findet das gut, heißt Steve, bezeichnet sich als Billigflug-Junkie und schaut sich auf seinem Laptop alte Fernsehserien an. Billigfliegen egalisiert, eine Art Internet, das Menschen transportiert. – Butterweiche Landung. Langer Fußmarsch über das Rollfeld zur Ankunftshalle. Die Airport-Dame, die uns den Weg weist, spricht mit heftigem nordenglischen Akzent, man versteht kein Wort, bemerkt aber zum ersten Mal, dass man sich auf einer Reise befindet. Rüdiger Schaper

Was schon für die Bildungsreisenden des 18. Jahrhunderts galt, die Gentlemen der Grand Tour, hat auch noch für die Billig-Jetsetter der Gegenwart seine Richtigkeit – zumindest beinahe. Der Weg ist das Ziel, also lesen wir im Flieger, denn wann hat der Reisende von heute bei all der sonstigen Hetze noch so viel Zeit zur Lektüre wie in den Phasen des Wartens: vor dem Schalter, dem Einchecken, dem endgültigen Einstieg und erst recht im Flugzeug selbst. Flugreisen sind die beste Gelegenheit, endlich all das Ungelesene abzutragen, all die zurückgelegten Feuilletons in Ruhe zu studieren. Diese Spezies des zum Lesen entschlossenen, praktischen Flugreisenden erkennt man sogleich am erweiterten Handgepäck bestehend aus diversen Taschen und Tüten, prall gefüllt mit alten Zeitungen – Bag-Ladies der Lüfte. Das stramme Leseprogramm bekommt meist seinen ersten Dämpfer im Warteraum am Zeitungsständer, wo noch einmal mit vollen Händen bei der frischen Ware zugegriffen wird. Die Folge dieser Gier ist an jeder weiteren Wartestation ein wachsender Haufen Altpapier, sobald die ersten Zeitungen durchforstet sind. Die empfindlichste Störung erfährt das Lesen am Eingang zum Flugzeug selbst, denn da liegen sie alle bereit, die herrlichen hochglänzenden Magazine für Klatsch und Tratsch und Society. Von wegen Reisen bildet, bei Ankunft weiß der Flugzeug-Leser, wer mit wem und wo und wie. Aber die mitgeschleppten Taschen mit all der in bester Absicht eingesteckten Lektüre gehen meist prallvoll wieder an den Ausgangspunkt der Reise zurück. Nicola Kuhn

Es ist beruhigend, dass wenigstens einige von uns wissen, wo’s lang geht. Sie ritzen ihre Spur in den Himmel wie in Glas (das mit der Himmelsscheibe war keine so schlechte Idee), unbeirrt, zielstrebig, erhaben, auch wenn es letztlich nur heiße Luft ist, an der man sie erkennt. Kondensstreifen sind das in die Troposphäre projizierte Verkehrsbild unserer Zeit, ein Symbol für das organisierte Chaos, durch das wir vernetzten, ruhelosen One-Line-Wesen uns bewegen: Fährten schneiden sich, laufen als parallele Wege nebeneinander her oder kreuzen sich nach einem Plan, auf dessen Güte man hofft angesichts des himmlischen Gedränges – nur, um schließlich alles von höheren Mächten zerstäubt zu sehen. Mitunter aber entwickeln sich die künstlichen Wasserdampfschlieren zur Wolke weiter. Ja, wir sind Regenmacher. Kai Müller

Flugzeit 1:50 Stunde, 79 Euro. Die Kenndaten einer Fernbeziehung „sponsored by easyjet“. In ihrem Austauschjahr am Französischen Gymnasium verliebte sich Elieliane in einen Berliner, dann begann das Studium in Paris – und das Pendeln. Zu den oben genannten Konditionen konnte sie der Enge der bürgerlich-schicken französischen Hauptstadt entfliehen und etliche Wochenenden in Berlin verbringen. „Ich liebe das Luftige und Ungezwungene an der Stadt“, sagt sie und schlägt in die gleiche Kerbe wie die Horde junger Europäer, die jedes Wochenende auf der Easyjet-Welle an die Spree schwappt. Ein Studentenleben zwischen riesigen Altbauwohnungen und Party-Gastronomie ist in Metropolen wie Paris, London oder Barcelona unbezahlbar. Elieliane fand mit Sven die große Liebe, der auch ein Umzug nach Lyon nichts anhaben konnte. „Was soll’s, mit dem Zug nach Genf und von dort in 1:40 nach Berlin.“ Die beiden besuchen sich im Monatsrhytmus. „Berlin ist sowas wie ein Sehnsuchtsort für mich“, schwelgt Elieliane. „Es kommt mir noch schöner vor, wenn ich grade nicht da bin.“ Von September an wird sie ihrer Lieblingsstadt ein Stückchen näher sein, eine Uni-Stelle lockt nach Dresden. Ob sich der Reiseaufwand verkürzt? Der Normalpreis im Eurocity für Hin und Rückfahrt liegt bei 68 Euro, Fahrzeit 2:05. Da hätte sie sich auch in Paris bewerben können. Tobias Haberkorn

Mallorca? Ibiza? Teneriffa? Längst heißen die Billigflugziele eher Moskau, Istanbul und Tallinn. Und im Flieger sitzen nicht mehr urlaubswütige Touristengruppen, die sich schon in der Luft den ersten Rausch antrinken, sondern konzentriert arbeitende Geschäftsreisende. Längst haben wir die Reiserhythmen umgestellt: nach London oder Wien, morgens früh ab Schönefeld und abends schnell wieder zurück? Kein Problem, Frühaufstehen schärft den Blick. Und verbindet nebenbei ganz ungemein – geht doch nichts über ein fachliches Update morgens um sieben. Im Juni zur Biennale-Eröffnung nach Venedig? Da sitzt die halbe Kunstwelt im gelben Flieger von Köln-Wahn, vorn der Chef des Museums Ludwig, neben mir die Düsseldorfer Sammlerin, und der Kollege von der Konkurrenz ist auch schon da. Doch noch schöner unlängst zur Merowinger-Ausstellung nach Moskau. Da flogen in freundlicher Eintracht der Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz samt Stellvertretendem Generaldirektor der Staatlichen Museen, diverse Mitarbeiter des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (spart ja auch Steuergelder) und, auf dem Rückflug, der Berliner Freundeskreis des Museums für Vor- und Frühgeschichte, um die seit 60 Jahren verschollenen Beutekunstbestände im Puschkin-Museum zu besichtigen. Schon werben Reiseveranstalter mit weiteren Touren. Verkämpfen wir uns doch nicht um Beutekunst. Nutzen wir die Billigflieger. Christina Tilmann

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