Lydia Lunch in Berlin : Gift und Witz

Die Mutter aller Riot Grrrls: Lydia Lunch gibt mit ihrer Band Retrovirus ein tolles Konzert im Berliner Quasimodo.

Volker Lüke
Die Sängerin, Dichterin und Schauspielerin Lydia Lunch
Die Sängerin, Dichterin und Schauspielerin Lydia LunchFoto: Thilo Rückeis

Höllenschlag und Donnerkeil! Man kommt zum Konzert und wird gleich von einer Soundwelle getroffen, die noch den letzten Brummschädel durchdringt. Batalj heißt das Noise-Core-Trio aus Berlin, das im Quasimodo mit maximalem Ballerfaktor ein irres Hardcore-Getöse lostritt, das zumindest einen Teil des Publikums in begeisterte Wirrnis stürzt, während alle auf die Frau warten, die auch mal eine Verbindung zur Krachmacherszene von Berlin hatte: Lydia Lunch, die New Yorker Underground-Ikone und Mutter aller Riot Grrrls, die bereits vor 40 Jahren mit Teenage Jesus & the Jerks und 8 Eyed Spy als Verkörperung einer Sleaze-Glam-Nymphe das Stöhnen unter die Boys brachte.

Bis heute hat sie sich ihr Gift und ihren Spaß erhalten und bekämpft das Patriarchat, Busengrapscher und andere Übel dieser Welt, wobei sie großen Kitsch, feine Selbstironie und bitteren Ernst munter durcheinanderwirft. Seit 2012 ist sie unter anderem mit der Band Retrovirus unterwegs, mit der sie in die Stadt gekommen ist, um neben alten Favoriten wie „Snakepit Breakdown“, „Love Split With Blood“ oder „Mechanical Flattery“ auch die Ewigkeitsnummern „Final Solution“ von Pere Ubu und Suicide’s „Frankie Teardrop“ zum Besten zu geben.

Eine aufgeräumte Entertainerin

Die Band legt los wie ein wild um sich schlagendes Riesenbaby, dessen Lieblingsteddy gerade in eine Kreissäge gefallen ist. Widerstand zwecklos. Der obercoole Bob Bert drischt auf die Felle wie ein Bergarbeiter, der Kohle kloppt, während sich der Gitarrenberserker Weasel Walter immer wieder mit dissonanten Riff-Attacken und waghalsigen Luftsprüngen in Szene setzt und Tim Dahl mit seinem gegen die Erdrotation dröhnenden Bass aufpasst, das nichts davonfliegt in diesem Noise-Blues- Taumel. Lydia Lunch präsentiert sich darin als aufgeräumte Entertainerin, die eine Direktheit an den Tag legt, die auch den Abgebrühtesten die Schamesröte ins Gesicht treibt – lustig, manisch, gefährlich verrückt und deine beste Freundin. Nach einer knappen Stunde stiefelt sie von der Bühne und nimmt die ungebrochene Verehrung ihrer Person mit der Selbstverständlichkeit einer 58-jährigen Pop-Diva entgegen, die es nie nötig hatte, einen Gedanken an ihr Publikum zu verschwenden. Der Alt-Fan ist in glücklichem Zustand nach Hause gesegelt.

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