„Machado de Castro“ in Coimbra : Im Innen das Außen erleben

Zeitgenössische Architektur vom Feinsten: Der Architekt Gonçalo Byrne schenkte dem Kunstmuseum im portugiesischen Coimbra einen Neubau. Nun sind die Sammlungen aufgestellt. Ein sensationeller Ort.

Vereint. Der Neubau des Museums schließt an die historische Loggia an.
Vereint. Der Neubau des Museums schließt an die historische Loggia an.Foto: B. Schulz

Auf der Spitze des Hügels, der den Kern der portugiesischen Stadt Coimbra bildet, sitzt die 1290 gegründete Universität. Sie ist die älteste und ehrwürdigste des portugiesischen Sprachraums, der einst die ganze damals bekannte Welt umspannte. Viele Details in der Gestaltung der älteren Universitätsgebäude, insbesondere der herrlichen barocken Bibliothek, beziehen sich auf Stützpunkte der Seefahrernation Portugal in Brasilien, China oder Indien. Andererseits besitzt Coimbra eine ansehnliche eigene Geschichte. Die römische Stadtgründung Aeminium, die im 5. Jahrhundert den Namen der benachbarten, 468 zerstörten Stadt Conimbriga annahm, hatte ihr Zentrum ebenfalls auf dieser Anhöhe. Auf einer durch mächtige Gewölbe gestützten, an den steil abfallenden Hang angebauten Terrasse erhoben sich erst das römische Marktgebäude und später Kirche und Bischofspalast. Seit einhundert Jahren hat hier, gleich neben der alles beherrschenden Universität, das Museum „Machado de Castro“ sein Domizil.

So ist der römische Untergrund selbst das größte Ausstellungsstück des lokalhistorisch, dies aber auf höchstem Niveau sammelnden Museums. Vor Jahren wurde eine Erweiterung des Hauses beschlossen; den erforderlichen Neubau realisierte der portugiesische Architekt Gonçalo Byrne. Der Bau selbst wurde bereits 2014 übergeben – und sofort mit Preisen bedacht. Nun ist auch die Neuaufstellung der Sammlungen abgeschlossen, auf die hin der Architekt das Gebäude passgenau entworfen hat.

Vom umlaufenden Balkon des aus dem einstigen Königspalast hervorgegangenen Universitätshauptgebäudes erblickt man einen langgestreckten Kasten, der mit dem Altbau des Museums, dem früheren Bischofspalast, einen hübschen, gegen den Steilhang des Hügels durch eine Loggia abgeschlossenen Platz bildet. Dieser Kasten stört mitnichten, beruhigt vielmehr das pittoreske Gewirr der unregelmäßig gegeneinanderstehenden Hausdächer der eng bebauten Altstadt. Was aber im Inneren des Kastens sich auftut, ist schlichtweg sensationell.

Wohlgeordneter Rundgang

Den Grundriss zu beschreiben, würde einiges an Formulierungskunst erfordern, auch sollte man eher von einem „Raumplan“ im Sinne Adolf Loos’ sprechen: Hohe und niedere Räume wechseln einander ab, ein doppeltes Geschoss läuft neben einer hohen Halle her; Treppen führen an unerwarteten Stellen hinauf oder hinab. Und doch ist kein Labyrinth entstanden, sondern im Gegenteil ein wohlgeordnete Rundgang, der von den römischen Substruktionen tief unten über mittelalterliche Bauteile längst vergangener Kirchen in die Haupthalle mit dem vollständig wiederaufgebauten Chor einer in den 1960er Jahren unter Protest abgetragenen Renaissancekirche der Mitte des 16. Jahrhunderts, der Capela do Tesoureiro, führt.

Sodann gelangt man in eine Raumfolge, die der hier am stärksten vertretenen Gattung der Skulptur mit zahlreichen Beispielen von Heiligenfiguren gewidmet ist, ehe auch die Malerei mit einer überraschenden Vielzahl flämischer Werke um und nach 1500 zu besichtigen ist, die den regen Handel der damaligen Zeit bezeugt. Meist war es Rohrzucker von der Insel Madeira, dessen Handel den Import nordeuropäischer Kunst (und Textilien) ermöglichte, und der innerportugiesische Austausch brachte diese Schätze in die Universitäts- und Residenzstadt Coimbra.

Das Gebäude ist mit der Altstadt verzahnt

Dies in der Raumfolge sinnfällig zu machen, wäre als Leistung des 1941 geborenen Architekten bemerkenswert genug; indes gelingt ihm darüber hinaus die Verzahnung mit der umgebenden Altstadt. Große Fenster in Winkeln und Durchgängen des Museums geben den Blick auf die verschachtelten Häuer frei, die sich der zerklüfteten Geografie der Stadt anpassen. Seit Jahrhunderten bestehende studentische Wohngemeinschaften, „Republica“ genannt, kommen mit ihren an Balkons wehenden Fahnen ebenso ins Bild wie Küchenfenster mit sich räkelnden Katzen. An anderer Stelle geht der Blick über die Stadt hinweg, sitzt das Gebäude doch hier auf der römischen Terrasse, über deren technische Meisterschaft man nur staunen kann. Dann wieder leiten Treppen hinab, und obgleich man im selben Gebäude bleibt, glaubt sich der Besucher durch verschiedene Bauten hindurchgeführt. Dem Gefühl nach befindet er sich bald drinnen, bald draußen.

Endlich kommt man wieder ins unaufgeregte Foyer zurück, das so gar nichts von den Wundern des Rundgangs ahnen lässt, und wählt nunmehr einen schmalen Gang hinauf auf die eigene Terrasse des Museums, die wer weiß auf welchem Teil des Baukörpers aufsitzt. Hier hat Gonçalo Byrne ein verglastes Café mit vorgelagerter Freifläche geschaffen, die einen herrlichen Blick über die Stadt und das Tal des Flusses Mondego erlaubt. Der Architekt, der in seiner Wahlheimat Lissabon unlängst den Sitz der Portugiesischen Staatsbank neugestaltet hat, braucht keine auffälligen Formen und Farben, um sein Gebäude abwechslungsreich zu machen. Es beeindruckt seine Meisterschaft, Räume zu schaffen, die in Größe, Höhe, Volumen ganz auf die darin geborgenen Objekte zugeschnitten sind.

Mit dem Uni-Komplex kann es nicht mithalten

Coimbras Universität, Hort der Wissenschaft und Kulisse des akademischen, auch studentisch-geräuschvollen Alltags, steht auf dem Programm der Touristengruppen, die die 200 Kilometer von Lissabon heraufkommen. Das benachbarte Museum kann mit dem Unesco-Welterbe, als das der Uni-Komplex 2013 ausgezeichnet wurde, an Beliebtheit zwar nicht ganz mithalten. Tatsächlich aber handelt es sich bei dem Bauwerk um ein herausragendes Beispiel zeitgenössischer Architektur.

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Die portugiesische Gegenwartsarchitektur, hierzulande allenfalls mit den Namen der beiden Pritzker-Preisträger Álvaro Siza (1992) und Edouardo Souto de Moura (2011) verbunden, weist eine beachtliche Anzahl von Architekten auf, die es verstehen, im städtischen Kontext und unter Einbeziehung vorhandener Substanz zu bauen. Gonçalo Byrne ist einer von ihnen.

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