Macron und die Intellektuellen : Sie küssen und sie schlagen sich

Macron oui, Macron non: Der Präsident und die Stars der französischen Literatur auf der Frankfurter Buchmesse

Gerrit Bartels
Didier Eribon auf der Frankfurter Buchmesse.
Didier Eribon auf der Frankfurter Buchmesse.Foto: dpa

Der Auftritt von Michel Houellebecq bei dieser 69. Frankfurter Buchmesse war natürlich mal wieder ein denkwürdiger. Ein typischer sowieso. Allein schon, wie Houellebecq im grünen Parka mit Fellaufsatz, Jeans-Hemd und wirrem grauen Haar auf die Bühne schlurft! Houellebecq hält im Frankfurter Schauspiel einen gut einstündigen, etwas wirren, mäandernden Monolog, eine Art Grundsatzrede.
Darin spricht er davon, dass es um die europäische Kultur im Moment nicht so gut bestellt sei, gerade im Vergleich zum Mittelalter, als noch jeder Lateinisch parlieren konnte. Er spricht, warum auch immer, von literarischen Modetrends wie dem Magischen Realismus und dem skandinavischen Kriminalroman, von denen er letzteren mag, die Begeisterung für den ersteren aber nie verstanden hat. Und er empfiehlt der deutschsprachigen Literatur, sich doch mal im erotischen Roman zu versuchen, das habe Zukunft, von wegen des Erfolges von „Fifty Shades Of Grey“ und der Existenz von YouPorn im Netz: „Sie denken, ich mache Spaß. Aber dem ist nicht so.“

Nicht ohne meine Gauloises

Nur: Was sollte man darüber denken? Dass dieser Schriftsteller ein großer Denker ist? Dass er gern mal einen gar nicht so tiefgründelnden Spaß macht? Was man jedoch erneut spürte: Der Mann hat eine Aura, eine Art betontes Negativ-Charisma. Er braucht gar nicht so viel zu sagen, so wie einen Abend später, als er als Überraschungsgast bei der Buchmessenparty des FVA-Verlegers Joachim Unseld auftaucht, im selben Outfit, einfach nur dasteht, undurchdringlich maliziös herumschaut, raucht, und alle zücken ihre Smartphones.
Eine schöne Show, die von Houellebecq in Frankfurt – und doch war es bei dieser Buchmesse so, dass er nur einer von vielen Literaturstars war, dass hier unter anderem auch Salman Rushdie, Dan Brown, Ken Follett oder Daniel Kehlmann sich die Ehre gaben. Und vor allem: Dass im Rahmen des französischen Gastlandauftrittes viele andere von Houellebecqs Landsleuten einen nicht weniger großen Eindruck hinterlassen haben.
Allen voran natürlich Emmanuel Macron, Frankreichs neuer und ach so junger Staatspräsident, der nicht nur bei der Eröffnung der Messe eine Rede hielt, sondern einige Stunden zuvor schon an der Goethe-Universität vor Studenten gesprochen hatte. Anders als bei Houellebecq weiß der deutsche Kulturbetrieb ziemlich genau, warum er von Macron so eingenommen ist: ein Präsident, der sein Leben wie einen Bildungsroman schildert, der erklärt, Baudelaire erst durch die Lektüre der Baudelaire-Interpretationen Walter Benjamins verstanden zu haben, der immer wieder von dem Philosophen Paul Ricoeur spricht, seinem Mentor und intellektuellen Ziehvater.
Emmanuel Macron glaubt man jedenfalls, wenn er sagt, dass ein gemeinsames Europa nur mit der Kultur möglich sei. Die deutsche Bundeskanzlerin ist da doch von einem anderen, bekanntermaßen viel nüchterneren Kaliber. Von ihr ist nicht bekannt, sich in einem größerem Ausmaß für Kultur zu interessieren, die regelmäßigen Bayreuth-Besuche hin oder her, geschweige denn eine tiefere Leidenschaft für die Literatur zu haben. „Wir müssen Globalisierung ordnen und gestalten. Die Literatur kann uns dabei helfen“. Solche Sätze sagte Angela Merkel bei der Eröffnung der Messe.
Andererseits gingen an dem Tag, an dem Macron in Frankfurt war, erstmals in Paris und vielen anderen Städten Frankreichs die Beamten auf die Straße, da haben zur Abwechslung mal die Beamtengewerkschaften zu einem Streik gegen Macrons Arbeitsmarktreform aufgerufen. Und anders als Michel Houellebecq, der bekannte, ein Macron-Fan zu sein, hielten sich auch viele der französischen und frankophonen Autoren und Autorinnen in Frankfurt nicht zurück mit Kritik an dem Präsidenten.

Kampf dem Neoliberalismus

Am vehementesten tat das der Soziologe und Schriftsteller Didier Eribon. Vor der Messe schrieb er in einem Text für die „Süddeutsche Zeitung“, dass Macron nicht sein Präsident sei, dass dessen Amtszeit schon jetzt charakterisiert werde durch eine Mischung aus „einer ungezügelten neoliberalen Wirtschaft und einer repressiven Politik“, dass Macron zwar schöne Worte und „mystisch-lyrische Höhenflüge“ liebe, seine Politik aber nur Düsternis verspreche: „Zerstörung der Arbeitnehmerrechte und des Arbeitnehmerschutzes, sozialer Abstieg, Abbau des öffentlichen Sektors, allgemeine Verarmung, Prekarisierung, Unterdrückung und Polizeigewalt.“
Eribon zog dann auch in Frankfurt immer wieder gegen Macron ins Feld, und wie sagt er es in „Gesellschaft als Urteil“, seinem neuen Buch: „Geschichte und Gedächtnis sind durch und durch politisch.“ Didier Eribon kann gar nicht anders, als sich als politischer, stets engagierter Autor zu verstehen, beseelt von dem unbedingten Willen, „die Welt im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit zu verändern“, davon, „den vielgestaltigen Kräften der Unterdrückung zu widerstehen.“
Als er beim Kritikerempfang des Suhrkamp Verlages zu Gast war, wirkte Eribon nicht nur wegen solcher Sätze wie ein Gegenmodell zu Houellebecq, sondern auch durch seine Erscheinung: Gepflegt und gut schaut er aus mit seinen angegrauten schwarzen Haaren, seiner vielleicht etwas zu großen Brille und dem dunklen Pullover über dem weinroten Hemd. Irgendwann stießen seine Freunde zu ihm, Annie Ernaux und Edouard Louis, die beide, aus völlig unterschiedlichen Generationen stammend, eine autobiografische und sich trotzdem als gesellschaftspolitisch verstehende Erinnerungsliteratur schreiben, ähnlich wie Eribons „Rückkehr nach Reims“.
Es war eines der schönsten Bilder dieser Messe, wie die drei dann, quasi als neues glamouröses Kraftzentrum der französischen Literatur, im Angesicht des riesigen Goethe-Porträts an dem einzigen Tisch in der Unseld-Bibliothek sitzen, schwatzen, lachen und sicher auch Emmanuel Macron einfach mal einen guten sein lassen. Und was war nochmal mit Houellebecq?

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