Kultur : Märchenhaft

Daniel Völzke

Der androgyne Mond: Das Deutsche hängt ihm einen maskulinen Artikel an, auf andere Länder fällt sein (oder ihr) Licht mit femininer Anmut. Der Plexiglasmond in der Galerie Johann König verrät nichts über sein Geschlecht. Gleichgültig leuchtet er und bleibt stets rund. Nur wenn sich der echte Vollmond über die Dächer schiebt, schaltet sich sein Abbild in der Galerie demütig aus. So hat es Johannes Wohnseifer programmiert. In seiner Ausstellung „Recent Sex / Love Works“ (bis 21. April, Dessauer Str. 6–7) spielt der ehemalige Kippenberger-Assistent mit Bild und Abbild, mit Geschlechterrollen und Klischees. Da gibt es einen „feminisierten White Cube“, einen Würfel, dem abgerundete Ecken eine weibliche Note geben sollen. Das Logo des Siemens-Konzerns über dem Empfang der Galerie hingegen nennt der Künstler „Mirror Men“. Dem Mond stellt Wohnseifer in Künstlerbüchern Beyoncé Knowles als Inbegriff heutiger Schönheit zur Seite. Auch an der Wand hängen Poster der R-’n’-B-Sängerin. Doch der Blick des Betrachters wird durch davorgehängte Lochbleche gerastert und der Star durch diese Fragmentierung noch ein Stück unwirklicher, als er es ohnehin ist (Preise von 7000 bis 12 000 Euro).

Ein Update des Klischees, dass Frau und Natur geheimnisvoll miteinander verbunden sind, liefert auch die Fotoserie „Ninfa Moderna“ in der Galerie Isabella Czarnowska (bis 14. April, Kochstr. 60). Die moderne Nymphe, das ist die Performerin Vera Lehndorff , die als Model unter dem Namen Veruschka bekannt wurde. Man sieht sie auf den Aufnahmen (1968–1989) nackt und mit geschlossenen Augen – das heißt, eigentlich sieht man sie anfangs nicht. Sie hat sich chamäleonartig angemalt, ihren Körper in ein Gemälde verwandelt, das in der Umgebung verschwindet, indem es sie imitiert. Lehndorff steht vor einer Mauer, einem Eisenpfeiler, einem Stromkasten und wird Teil davon. Eindrucksvoll löst sich der Körper, der bei Lehndorff durch frühe Hungererfahrungen in der Nachkriegszeit immer auch tragisch besetzt ist, auf. Bodypainting, heute mit dem Todeshauch des Ordinären behaftet, entwickelt in einigen dieser Bilder noch einmal Strahlkraft (400 bis 20 000 Euro).

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