Magazin "Flaneur" : Synapsenfutter im Sekundentakt

Städte in Straßen beschreiben: Das Berliner Magazin "Flaneur" reist diesmal nach Taipei. Die Zeitschriftenkolumne.

Bunt soll's sein. Das Cover der aktuellen Ausgabe.
Bunt soll's sein. Das Cover der aktuellen Ausgabe.Foto: R/D

Wie viele Tode und Auferstehungen hat der Flaneur erlebt, seit ihn Charles Baudelaire Mitte des 19. Jahrhunderts als Pariser Dandy zum Leben erweckte. Noch als Georg Simmel ihn als großstädtisches Wesen analysierte, das „aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht“, pulste in ihm eine wohltuende Erregung, die sich mit einer „Steigerung des Nervenlebens“ verband.

Schon Franz Hessel war bei seinen feuilletonistischen Spaziergängen durch Berlin aber eher nach seelischer Abkühlung zumute. „Langsam durch belebte Straßen zu gehen“, schrieb er, sei „ein besonderes Vergnügen. Man wird überspielt von der Eile der anderen, es ist ein Bad in der Brandung.“

Als entspannter Müßiggänger im Gewimmel wurde der Flaneur in den 1980er- und 90er-Jahren zum Maskottchen einer grassierenden Entschleunigungssehnsucht. Mit befremdlichem Retrochic projizierte man Simmels soziologische Beschreibungen und Walter Benjamins Nobilitierung als ins „Reich des Konsumenten ausgeschickter Kundschafter des Kapitalisten“ in die Gegenwart.

In seiner Studie „Die Wiederkehr der Flaneure“ beschäftigt sich Matthias Keidel unter anderem mit Rolf Dieter Brinkmanns Wut- und Ekelreden in „Rom. Blicke“ und Peter Handkes Hässlichkeitsvermessungen, wie er sie mit paradoxer Sinnfälligkeit 1976 in dem Gedicht „Das Ende des Flanierens“ betrieb.

Ernsthaft Sorgen um den Flaneur muss man sich aber wohl erst heute machen. Wie soll er durch Städte streifen, in denen er sich im permanenten GPS-Selftracking gar nicht mehr verlieren kann? Und selbst wenn er es wollte: Würden ihn Überwachungssysteme nicht im Handumdrehen ausfindig machen?

Auf den Spuren von Guy Debord

Die Last des Namens, den sich das 2013 gegründete englischsprachige Berliner Magazin „Flaneur“ (flaneur-magazine.com) auferlegt hat, ist jedenfalls nicht auf die leichte Schulter zu nehmen – auch wenn Verlegerin Ricarda Messner und die Chefredakteure Fabian Saul und Grashina Gabelmann alles tun, um ihn im Sinne von Guy Debords Psychogeografie zu erneuern.

Das Thema jeder Ausgabe ist immer eine Großstadt am Beispiel einer Straße. Was vor der Haustür mit der Charlottenburger Kantstraße begann, setzte sich mit der Leipziger Georg-Schwarz-Straße fort, wandte sich der Rue Bernard im kanadischen Montreal und dem Corso Vittorio Emanuele II in Rom zu, dann der Athener Fokionos Negri, dem Moskauer Boulevardring und der Rua Treze de Maio in São Paulo, und ist nun an der Kangding Road und Wanda Road in Taiwans Hauptstadt Taipei (Nr. 8, Herbst 2019, 220 Seiten, 18 €) gelandet.

Kulturelle Übergangsräume

Wie immer handelt es sich nicht um Hauptstraßen oder Touristenmeilen, sondern um kulturelle oder vielmehr multikulturelle Arterien: Transportbänder durch historische Übergangsräume, die in einem guten Dutzend visueller und literarischer Beiträge chinesischer und deutscher Autoren beleuchtet werden – jeweils auch in chinesischer Übersetzung.

Brian Hioes Essay „Orphan City“ etwa begibt sich in den von der Kangding Road durchzogenen Wanhua District, in dem die Metropole ihren Ursprung nahm. Im Gespräch mit Quartiersleitern informiert er sich über die ethnischen und politischen Verschiebungen, angefangen mit der Verdrängung der Ketagalan-Ureinwohner durch Han-Chinesen, bis zu den festlandsflüchtigen Kuomintang.

Geishatum in Taiwan

Durchs verwirrend opulent gestaltete, in der aktuellen Ausgabe an David Carsons Typografie-Exzesse in den 90er-Jahren erinnernde Blatt verteilt, sammelt Fabian Saul 64 Textmomente ein. Und der queere Videokünstler Yu Chen-Ta geht in Reenactment-Manier den Spuren des durch die japanische Herrschaft entstandenen Geishatums nach.

Als Reiseführer ist das alles unbrauchbar. Als Stimulans, an einer Straßenecke ohne feststehenden Plan so tief wie möglich zu graben, tut der „Flaneur“ seine Wirkung – wenn einem die fremde Umgebung nicht die Sinne vernebelt. Die Gegenprobe lässt sich sehr bald anstellen: Die nächste Nummer ist Paris, der Geburtsstadt aller Flaneure, gewidmet.

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