Malerin Gisela Breitling : Auf den Spuren der Frauen

Feministische Kunst: Die Petruskirche in Lichterfelde widmet der 2018 verstorbenen Malerin Gisela Breitling eine Ausstellung.

Gisela Breitling (r.) und ihre Mitstreiterinnen vor dem Verborgenen Museum.
Gisela Breitling (r.) und ihre Mitstreiterinnen vor dem Verborgenen Museum.Foto: Birgit Kleber

Europas Stier liegt abgemagert am Boden, aber die nackte Reiterin auf seinem Rücken sitzt ruhig. Hinter den feingliedrigen Figuren glänzt Goldgrund wie auf mittelalterlichen Altartafeln. Winzig klein und unvollendet ist das frühe Gemälde von Gisela Breitling: ein Versprechen auf mehr. Im kleinen Format kostete sie auch später ihre Stärken aus. Viermal sie selbst zeigt eine nüchtern präzise Bildfolge aus den 80er Jahren im knappen Ausschnitt: Gesicht, Nacken, Haarsträhnen, so und nicht anders. Ein Selbstvergewisserung.

Ihr Leben lang hat Breitling Frauen gemalt, sich selbst und andere, mythologische und biblische. Sie zeigt ihr weibliches Personal in Verwandlungen und Situationen, in Gedanken und Träumen, als Torso oder Akt, seltener handelnd in Bewegung. Die Stille auf ihren Bildern entstammte auch ihrer Auseinandersetzung mit den Meistern der Renaissance.

In rund 50 Arbeiten aus allen Schaffensphasen rückt jetzt eine Ausstellung in der Petruskirche in Lichterfelde die 2018 mit 78 Jahren verstorbene Künstlerin erneut in den Blick (Bis 3.8., Petruskirche, Oberhofer Platz, Mi-Sa, 10-13 Uhr und nach Vereinbarung unter wicher@petrus-giesensdorf.de). Ihre Familie hat für die Präsentation gesorgt. Sie stemmt sich gegen das Vergessen einer kämpferischen Frau, die mehr hinterließ als ihr malerisches Werk von 700 Ölgemälden, tausenden Drucken und Zeichnungen. In der Geraer Straße, wenige hundert Meter von ihrer Taufkirche St. Peter entfernt, wurde Gisela Breitling geboren und hatte dort später ihr Dachatelier.

Dass Breitling vor allem Frauen malte, entsprang einer frühen Irritation, die sich zum feministischen Impuls eines ganzen Lebenswerks auswuchs: Gab es denn in der ganzen Kunstgeschichte keine Künstlerinnen? Anfang der 1960er, als sie studierte, sah es ganz so aus. Keine einzige berühmte Künstlerin fand sie in den Museen, den Kunstgeschichtsvorlesungen, der einschlägigen Literatur. Das forderte Breitlings Stolz und Widerspruch heraus. Sie forschte, fand Gleichgesinnte und stellte zeitweise die eigene Malerei zurück. Das feministische Ausstellungsprojekt „Künstlerinnen International 1877-1977“ war ein Anfang. 1986 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen des Verborgenen Museums in der Schlüterstraße, das seither Kunst von Frauen vorstellt. Auch Lotte Lasersteins Wiederentdeckung nahm hier ihren Anfang.

Breitling hat auch streitbare Texte geschrieben

Breitlings eigene Malerei hielt sich aus aktuellen Stilströmungen raus und blieb dem Prinzip des Realismus treu. Auf einer frühen Radierung sieht man eine Seiltänzerin auf dünnem Faden über ein geometrisches Gitternetz balancieren: so minutiös-manieristisch mit allen Gewandfalten artikuliert, als sei sie dem 16. Jahrhundert entsprungen. Die Renaissance bewunderte Breitling, seit sie 1962 das erste Mal in Italien war und später als Stipendiatin in der Villa Massimo logierte. Wie sich ihr Werk über die großen weiblichen Akte bis zu den späten Stillleben entwickelte, ist in der Ausstellung schlaglichtartig zu verfolgen. Auch vertreten sind die vielfigurige Pastellentwürfen zum Matthäus-Evangelium. Die ausgeführten Gemälde hängen seit 1992 im Turm der Matthäus-Kirche am Kulturforum. Sie holen die biblischen Texte in die Gegenwart und plädieren für eine feministische Theologie: Das Figurentableau ist mit Männern und Frauen paritätisch bestückt.

In den Kunstdiskurs eingemischt hat sich Breitling auch mit streitbaren Texten, insbesondere ihrer 1980 erschienenen autobiographischen Suche nach den Frauen in der Kunstgeschichte: „Die Spuren des Schiffs in den Wellen“. Mit 70 Jahren malte Breitling ein kleine Serie: Zu sehen sind drei Frauen, ganz nüchtern, ohne malerische Raffinesse. Die französische Revolutionärin Olympe de Gouge trägt Trikolore-Turban, die englische Suffragette Emily Wilding Davidson zeigt sich vor Knastfassade und Gisela Breitling – ist einfach sie selbst. Alle drei ähneln sich wie Schwestern oder Wiedergängerinnen.

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