"Mamma mia" im Theater des Westens : Live schlägt Leinwand

Die Filmversion des Musicals hat Millionen begeistert. In Berlin zeigt sich jetzt, dass der Zauber der originalen Bühnenshow unschlagbar ist.

Wenn alte Recken die Bude rocken. Betty Vermeulen (links), Sabine Mayer (Mitte), und Barbara Rauenegger.
Wenn alte Recken die Bude rocken. Betty Vermeulen (links), Sabine Mayer (Mitte), und Barbara Rauenegger.Foto: Stage Entertainment/Morris Mac M

Vor 20 Jahren erlebte das Musical mit den Hits von Abba seine Londoner Weltpremiere, seit 2002 wird es auch in Deutschland gezeigt. 2008 kam die Verfilmung heraus, bei der Meryl Streep und Pierce Brosnan glänzen, im vergangenen Jahr folgte schließlich die 2. Filmverwertung. Die Idee von Catherine Johnson, um altbekannte Songs eine unabhängige Story zu stricken, hat zu einem ganz neuen Musicalgenre geführt, das diverse Nachahmer fand von der Udo-Jürgens-Hommage „Ich war noch niemals in New York“ (die Kinoversion startet im Oktober) bis zum Wolfgang-Petry-„Wahnsinn“ .

Kann da die klassische Bühnenfassung von „Mamma mia“ überhaupt noch zünden? Ist der Unterhaltungskonzern Stage Entertainment verrückt, die Show jetzt wieder im Theater des Westens anzusetzen, mit immerhin 216 Vorstellungen, für die fast 350000 Tickets in den Verkauf kommen?

Nein, absolut nicht. Denn – wie die umjubelte Premiere am Sonntag bewies – hier gilt mal wieder: Live schlägt Leinwand. Echten Darstellern zuzusehen, wie sie singen und um Gefühle ringen, wie sie tanzen, tändeln, turteln und zwischen den Szenen auch noch blitzschnell das Bühnenbild umbauen, das ist einfach unschlagbar.

Das Kino kann mit rasanten Kamerafahrten punkten, mit Luftaufnahmen und Close Ups, mit raffinierter Ausleuchtung und berühmten Namen. Und doch ist der Zauber des Handgemachten nicht zu überbieten. Die Filmleute schneiden so lange an ihrem Material herum, bis es perfekt ist, die Musicaldarsteller dagegen machen im Theater des Westens, um im cineastischen Jargon zu bleiben, alles in einem einzigen Take, unter den Augen der Zuschauer, ohne Chance, Patzer oder Texthänger zu korrigieren.

Die reiferen Darstellerinnen und Darsteller tragen den Abend

„Immersion“, das Modewort der Theatertheoretiker, also die Einbettung des Zuschauers ins Geschehen, hier wird’s Ereignis. Wenn nämlich Sam kurz vor dem Happyend seiner Donna zu den Klängen von „I do, I do, I do, I do“ die Frage aller Fragen stellt, sie librettogemäß in einer Generalpause überlang mit der Antwort zögert, woraufhin aus dem Rang eine Kinderstimme ruft „Jetzt sag’ schon Ja!“.
Und selbst, wer verdrängt hatte, dass die Texte hier gar nicht in der Originalfassung gesungen werden, überwindet den Schreckmoment schnell, denn die Übersetzung von Ruth Deny ist wirklich ziemlich gut, mit Reim-Highlights wie: „Money, Money, Money / sonst kann man nie/ in die feine Welt“.
Dramaturgisch funktioniert der Plot sowieso bestens, mit vielen Discoknallern im ersten Teil und den berührenden Balladen nach der Pause. Getragen wird er von den reiferen Darstellerinnen und Darstellern, weil die nicht nur als Figuren wunderbar ironisch gezeichnet sind, sondern eben auch ihren Text überzeugender über die Rampe bringen als ihre jungen Mitstreiter, die zwischen dem Powerplay der wirklich tollen Tanzszenen und den die Handlung vorantreibenden Dialogen nicht richtig umschalten können und darum darstellerisch durchgehend arg dick auftragen.

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