„Für mich ist Techno einfach Amateurmusik“

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Marcel Dettmann : Gott des Zufalls: Berghain-DJ Marcel Dettmann
Techno-Botschafter. Marcel Dettmann.
Techno-Botschafter. Marcel Dettmann.Foto: Sven Marquardt

Techno ist zwar schon bald drei Jahrzehnte alt und musikalisch inzwischen nur noch selten halbwegs revolutionär, aber das Ding brummt weiter und wächst sogar. Die USA haben jetzt Electronic Dance Music im ganz großen Stil entdeckt und Asien wird für europäische DJs gerade immer interessanter.

Am Wochenende auflegen und unter der Woche für Frau und Kind da sein – so hätte Dettmann problemlos weitermachen können. Aber vor ein paar Jahren hat er auch noch mit dem Produzieren von eigener Musik begonnen und seitdem verbringt der DJ unter der Woche immer mehr Zeit in seinem Studio. Die letzte Nacht, so berichtet er beim Treffen in den Büros des Berghains, habe er wieder fast komplett durchgemacht. Ein Remix für das Berliner Techno-Duo Modeselektor war fertigzustellen.

Bei den meisten DJs laufen das Auflegen und das Produzieren eigener Musik parallel. Selbst produzierte Tracks dienen als Visitenkarten für lukrative Bookings in den Clubs. Dettmann aber war eigentlich immer nur DJ, bestens gebucht auch ohne eigene Produktionen. Und er war eine Zeit lang Plattenverkäufer im Kreuzberger Hard Wax, der als Spezialladen für Techno weltweit einen ähnlichen Ruf genießt wie das Berghain bei Clubgängern. Inzwischen hat Dettmann keine Zeit mehr für diesen Job.

Zum Produzieren kam er eher zufällig, erklärt er und behauptet, die Arbeit im Studio sei für ihn immer noch eher ein Hobby. Er gehe nicht mit einem bestimmten Ziel ins Studio, er schaue vielmehr beim Herumdrehen an den Knöpfen der Maschinen, was da so passiere, sagt er, „man probiert etwas aus und allein durch Zufälle entstehen im besten Fall geniale Momente.“

Auch sein aktuelles, inzwischen zweites Album ist so entstanden, nicht in einem Schwung, sondern nach und nach. „Dettmann II“ heißt es, sein Debüt nannte er „Dettmann“. Diese Reduktion ist typisch für ihn. Auch seine Tracks haben nur Ein-Wort-Titel wie „Aim“ oder „Stranger“ und sein eigenes Label heißt schlicht „Marcel Dettmann Recordings“.

Zuerst glichen die zwölf Tracks des Albums eher Skizzen, erklärt Dettmann, erst nach und nach wurde mehr daraus. Das Skizzenhafte kann man immer noch hören, was ein Gewinn ist. Denn oft kranken Technoalben daran, dass von Anfang bis Ende einfach durchgeklackert wird und die Bassdrum dazu ihr Bumm Bumm macht. Clubmusik fürs Wohnzimmer kriegen nur wenige sinnvoll hin. Bei Dettmann dagegen durchzieht das ganze Album eine fast schon gespenstische Atmosphäre, geisterhafte Maschinengeräusche spuken umher und die Bassdrum klingt oft so verquollen, als sei sie unter Wasser aufgenommen worden. Bei einem Stück hat sich Marcel Dettmann die Berliner Sängerin Emika mit ins Studio geholt. Statt eines Textes singt sie nur „Uh“ und „Ah“, wozu ein paar verstolperte Beats erklingen. Das hört sich schon beinahe wie Techno-Jazz an und ist echte Zuhör-Musik.

Zudem setzt „Dettman II“ Kevin Saunderson, Juan Atkins und all den Futuristen des längst klassischen Detroit-Technos ein Denkmal. „Das Album ist sehr intim“, sagt Dettmann, „das bin hundertprozentig ich.“

Marcel Dettmann: „Dettmann II“ erscheint bei Ostgut Ton. Record Release im Berghain: Sa 14.9., ab 23.59 Uhr

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