Maritime Kulturgeschichte im DHM : Leichte Beute, schwere See

„Europa und das Meer“: Das Deutsche Historische Museum erzählt 2000 Jahre facettenreiche maritime Kulturgeschichte.

Ablegen ins Ungewisse. „Abschied der Auswanderer“, ein Gemälde von Antonie Volkmar aus dem Jahr 1860.
Ablegen ins Ungewisse. „Abschied der Auswanderer“, ein Gemälde von Antonie Volkmar aus dem Jahr 1860.Foto: Deutsches Historisches Museum

Das Meer ist so verlockend wie gefährlich. Wer sich vom Kurs abbringen lässt, wird untergehen. Odysseus ließ sich am Mast seines Schiffes festbinden, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, die ihn ins Verderben locken wollten. Wie man sich den Held des Trotzes vorzustellen hat, das zeigt ein römischer Marmorkopf, der um 250 nach Christus entstand: geradezu aufreizend gelassen. Der Blick geht ins Leere, seine Barthaare umkräuseln das Kinn wie sanfte Wellen.

In der Ausstellung, die im Deutschen Historischen Museum die lange und wechselvolle Geschichte von „Europa und dem Meer“ schildert, steht der Kopf neben der Terrakottastatuette einer Sirene aus der Zeit um 450 vor Christus. Das Mischwesen vereinigt den Körper eines Vogels mit dem verführerisch schönen Kopf eines Mädchens. Meer und Mythen hängen zusammen, folgerichtig beginnt die Präsentation mit einer kleinen griechischen Skulptur, die noch ein paar Jahre älter ist als die Sirene: Europa auf dem Stier. Zeus hatte sich in die Königstochter verliebt, verwandelte sich in einen Stier und schwamm mit ihr nach Kreta. Der Liaison entsprangen drei Kinder, und der Kontinent bekam den Namen der Geliebten.

Europa liegt am Meer. Gemessen an der Küstenlänge und seiner Gesamtgröße – das wird schnell vergessen – besitzt kein Erdteil mehr Berührungspunkte mit dem Meer. Der Museumsbesucher wird vom Geräusch einer sanften Meeresbrandung empfangen, einem tiefenentspannenden Sehnsuchtsrauschen, ähnlich unwiderstehlich wie das Lied der Sirenen. Homer hatte in der Odyssee die See als furchteinflößenden Ort beschrieben, der von Göttern und Dämonen beherrscht wird. Die Kulturgeschichte des Meeres, die in der Ausstellung entlang von 468 Exponaten erzählt wird, handelt von einer zunehmenden Entmythologisierung. Allerdings ist die Gefahr noch nicht gebannt. Zu sehen sind auch Relikte heutiger Odysseen: Rettungswesten, zerschundene Rucksäcke und Handys. Flüchtlinge aus Kamerun, Afghanistan und Syrien berichten in Videos von ihren Anstrengungen, die Festung Europa auf dem Seeweg zu erreichen.

Von Piräus über Danzig und Lissabon bis Kiel

Seit der Antike galten die Säulen des Herakles, zwei Felsenberge an der Meerenge von Gibraltar, als Grenzen der bewohnbaren Welt. Der Halbgott soll auf ihnen eine Inschrift hinterlassen haben: Non plus ultra. Nicht mehr weiter. Doch Karl V., spanischer König und deutscher Kaiser, machte 1516 die Devise „Plus Ultra“ zum Imperativ. Immer weiter. Mit der Entdeckung und Eroberung neuer Welten begannen Unterwerfung und Ausbeutung. Die Kirche gab ihren Segen dazu. Auf ein Idol aus Ton aus der vorspanischen Zeit von Gran Canaria, das eine stilisierte breithüftige Frau abbildet, folgen Keramikkreuz und Rosenkranz.

Sevilla war der Ausgangspunkt der Expansion, es wurde 1503 zum Sitz der Casa de la Contratación bestimmt und besaß das Monopol für jeglichen Handel- und Schiffsverkehr mit den neuen Territorien. Selbst Cervantes bewarb sich in einer Bittschrift um einen „Einsatz in der Neuen Welt“. Zum Glück wurde sein Gesuch abgelehnt, ansonsten wäre der „Don Quijote“ wohl nie geschrieben worden. Die Welt wurde neu kartiert, das europäische Weltbild erweiterte sich. Zwei Globen rahmen eine Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert. Der Behaim-Globus von 1492 dokumentiert die alten, falschen Gewissheiten aus der Epoche vor Kolumbus. Der Atlantik ist zu klein, Amerika fehlt. Auf einem Erdglobus mit den Reiserouten geografischer Entdecker, 1808 in Berlin gefertigt, versinkt die Imagination im kleinteiligen Liniengeflecht.

Die Beziehung von Europa zum Meer wird anhand von zwölf Hafenstädten verdeutlicht, von Piräus über Danzig und Lissabon bis Kiel und London. Venedig errichtete als Seerepublik ein System von bis in den Orient reichenden Stützpunkten, eine Blaupause für alle späteren Seemächte. Auf einem Steinrelief aus dem 14. Jahrhundert erscheint das Stadtsymbol, der Markuslöwe, noch als Schutzfigur, unter der Betende kauern. Im 17. Jahrhundert präsentiert er sich mit Krone und gezücktem Schwert aus vergoldetem Holz. Die Serenissima rüstet auf. Militarismus erreicht höchste Kunstfertigkeit. Mit Handgranaten aus Muranoglas wurde Kreta gegen die Osmanen verteidigt. Der Doge Sebastiano Venier zeigt sich auf einem Tintoretto-Bildnis als Sieger der Seeschlacht von Lepanto in Harnisch und Samtumhang.

Amsterdam betrieb über die 1602 gegründete Vereenigde Oostindische Compagnie den Handel mit Indien und perfektionierte den Schiffsbau. Beinahe die Hälfte einer kurz zuvor entstandenen Stadtansicht aus der Vogelperspektive wird vom Hafen und von Schiffen eingenommen, im Osten liegt das Werftgelände. Ein neuer Schiffstyp, die Fleute, hilft die Gewinne zu maximieren. Er besitzt eine große Transportkapazität bei geringem Tiefgang und kann mit kleiner Mannschaft segeln. Der Schiffbau trägt bereits vorindustrielle Züge. Vorgefertigte Holzteile, „Klinken“ genannt, werden wie Dachziegel aufeinandergelegt.

Eine oft überraschende kulturhistorische Erzählung

Dass Europas Wohlstand wächst, liegt auch an der hemmungslosen Verwertung einer besonderen Ressource: Menschen. Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert transportieren rund 400 000 Schiffe mehr als 13 Millionen Menschen von den Küsten Afrikas nach Amerika. Fast 500 000 von ihnen werden mit Schiffen aus Nantes, dem Zentrum des französischen Sklavenhandels, transportiert. Im Code Noir, einem 1685 vom Finanzminister Jean-Baptiste Colbert verfassten Dekret, gelten Sklaven als „Geschöpfe Gottes“, die wie ein meuble behandelt werden dürfen, als bewegliches Gut.

Eine Ausgabe von Colberts Büchlein liegt in einer Vitrine schräg gegenüber einer schaurigen Bilanzaufstellung des Sklavenschiffes „Père de famille“, das kurz vor der französischen Revolution 587 Männer, Frauen und Kinder im Hafen von Port-au-Prince verkaufte. Der Tauschwert für einen erwachsenen Mann betrug 8 Gewehre, 2 Bund Tabak, 4 Unzen Schnaps, 4 indische Tücher und 8 Taschentücher. Der ehemalige Sklave Olaudah Equiano beschrieb seine Verschleppung: „Das erste, was meine Augen begrüßte, als ich an der Küste ankam, war die See und ein Sklavenschiff. (...) Sofort kamen einige von der Mannschaft auf mich zu und schüttelten und stießen mich, um zu sehen, ob ich gesund war.“

Den Kuratoren um Projektleiterin Dorlis Blume ist eine facettenreiche, oft überraschende kulturhistorische Erzählung gelungen. Doch je mehr sich die Ausstellung der Gegenwart nähert, desto stärker verliert sie an Kraft und Stringenz. Zu viele Themen, zu sehr abgehakt. Für die Meeresforschung stehen fischkundliche Drucke aus der Kaiserzeit und ein torpedoförmiges Tiefsee-Seitensichtsonar aus Kiel, das den Meeresboden bis zur Wassertiefe von 6000 Meter untersucht. Eine mannshohe Plexiglassäule ist mit Abfall aus den Ozeanen gefüllt: Plastikverpackungen, Geisternetze, Palettenteile. Ein „Spiegel“-Titelbild zeigt eine Öl-Plattform in der Nordsee. Postkarten aus Heiligendamm, Ostende und Scheveningen zeugen vom beginnenden Massentourismus. Immerhin die frühen Bademoden beeindrucken. Männer trugen um 1900 blau-weiß gestreifte Ganzkörpertrikots, ein früher deutscher Bikini, 1949 genäht, ist ein himbeerfarbener Miedertraum.

Deutsches Historisches Museum, bis 6. Januar. Täglich 10–18 Uhr, Katalog 35 €.

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