Martin Boyce bei Esther Schipper : Blühender Beton

Logik der Formen: Galerie Esther Schipper stellt Werke von Turner-Prize-Träger Martin Boyce aus.

Jens Müller
Leuchtmittel. Detail der Skulptur „Untitled bed frame sculpture“ (2018).
Leuchtmittel. Detail der Skulptur „Untitled bed frame sculpture“ (2018).Foto: Galerie Esther Schipper

Kunstschulen verfolgen verschiedene Ansätze und bringen unterschiedliche Künstler hervor, klar. Aber auch die Architektur des Schulgebäudes kann prägend sein. Schon vor der Aufnahme seines Studiums 1986 hat sich Martin Boyce immer wieder vor die Tore der Glasgow School of Art begeben. Dass es sich um ein irgendwie wichtiges Gebäude handelt, hat er schon damals begriffen. Dass mit diesem Hauptwerk Charles Rennie Mackintoshs die Moderne in Glasgow überhaupt begonnen habe, las er viel später.

Seitdem kreist sein ganzes Schaffen als Künstler um Architektur und Design. Bekannt geworden ist der Turner-Prize-Träger (2011) mit der Dekonstruktion von Klassikern des Midcentury-Designs. 2002 machte Boyce eine Entdeckung, und der Kunst, die daraus hervorging, kann man übertriebene Marktkonformität beim besten Willen nicht unterstellen. Boyce hat damals die vier kubistisch-geometrischen Betonblumen für sich entdeckt, die die Bildhauer- und Designer-Brüder Jan und Joël Martel 1925 als Teil eines Gartens in Paris konstruiert hatten. Sie existieren nicht mehr – Boyce hatte nur ein Buch mit Schwarz-Weiß-Abbildungen zu seiner Verfügung. Allein diesen Abbildungen entnahm er die Proportionen, die er für den Bau kleiner Pappmodelle der Blume nutzte – aus denen er wiederum ein lineares Wiederholungsmuster ableitete, und: „Als dies geschah, entwickelten die Formen und Winkel ihre eigene geometrische Logik.“ Fortan sollte kein Boyce-Werk mehr ohne diese Formen und Winkel auskommen.

Martin Boyce kann auch pragmatisch sein

Davon kann man sich in der aktuellen Ausstellung („The Light Pours Out“) der Galerie Esther Schipper überzeugen. Als die Galerie im vergangenen Jahr vom Schöneberger Ufer in die ehemalige Tagesspiegel-Druckerei umgezogen ist, ging damit der Verzicht auf den Stuck an Wänden und Decken einher. Andere Künstler mögen das als Plus in Sachen White Cube begrüßt haben – Martin Boyce hat sich für seine Schau darangemacht, neuen Stuck an die neuen Wände zu bringen. Woher die Formen und Winkel des Stucks stammen: von den Betonblumen der Brüder Martel, was man jedoch auch dann nicht erkennt, wenn man es weiß. Und so verhält es sich auch mit allen anderen, exklusiv für die Ausstellung geschaffenen Werken: bei zwei großen Raumteilern aus eloxiertem Aluminiumblech und semitransparentem Wellplastik, die auch als Bushaltestellen durchgehen könnten, ebenso wie bei einem hochkant stehenden Bettgestell mit daran hängendem, asiatisch anmutendem Lampion mit Glühbirne („Bed Frame Sculpture“) oder ähnlichen Lampions ohne Elektrifizierung, wie sie vor pastellfarben aquarellierten Leinwänden hängen, die sich aus kurzer Distanz als Lochbleche entpuppen.

Im erlesenen Portfolio der Galerie Esther Schipper gibt es so einige Künstler, denen man (hoffentlich) nicht zu nahetritt, wenn man sie als verkopfte Idiosynkraten bezeichnet. Martin Boyce ist gleichwohl eine Ausnahme.

Nun hat ein verheerendes Feuer diesen Sommer von der Glasgow School of Art nicht viel übrig gelassen. In Berlin hat sich über die Jahre eine intellektuelle Debattenkultur in Fragen der Rekonstruktion zerstörter Baudenkmäler etabliert. Unwiederbringlich oder nicht? Komplizierte Frage? Der Glasgower Martin Boyce, Urheber maximal verkopfter Kunstwerke, sieht das überraschend pragmatisch: „Gebäude können gebaut und wiederaufgebaut werden.“ Der Gedanke, dass künftig ein junger Student nicht durch die Eingangstore dieses unglaublichen Gebäudes treten und dort Kunst studieren könnte – für Boyce „undenkbar“.

Galerie Esther Schipper, Potsdamer Straße 81 e; bis 1. 12., Di–Sa 11–18 Uhr

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