In Berlin trat sie anfangs in kleinen Bars und Clubs auf

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Mary Ocher : Die Freiheit der Andersfühlenden
Querschlägerin. Mary Ocher, 26, Musikerin aus Friedrichshain.
Querschlägerin. Mary Ocher, 26, Musikerin aus Friedrichshain.Foto: Copyright - Christoph Neumann

Mit naheliegenden Deutungen ist es jedenfalls selten getan bei den Liedern der Sängerin, die 1986 als Mariya Ocheretianskaya in Moskau zur Welt kam und vier Jahre später mit ihren Eltern nach Israel auswanderte. Meint man etwa, dass sie in dem Stück „My Town“ über Tel Aviv oder vielleicht sogar Berlin singe, weist sie das sofort zurück und erzählt, dass Lou Reeds „Smalltown“ sie inspiriert habe. Es handele sich eher um eine prototypische Kleinstadt, sagt sie. Dennoch sind Israel und die teils traumatischen Folgen des Aufwachsens dort noch immer sehr präsent in der Musik von Mary Ocher, die vor sechs Jahren nach Berlin kam. Manche „Eden“-Stücke stammen aus ihrer Teenagerzeit und sind sogar noch älter als die Lieder auf ihrem Debüt „War Songs“, das 2011 erschien. „Auf dem ersten Album ging es nur um Nationalismus, jetzt geht es mehr um Religion“, erklärt sie. Wobei beide Themen für sie stets eng verbunden waren und sie mit beiden große Probleme hatte. Obwohl weder sie noch ihre Eltern religiös sind, ging sie jahrelang auf eine jüdische Schule. „Dort wurde uns zum Beispiel beigebracht, dass das Christentum und alles, was nach dem Judaismus kam, frevlerisch ist. Das galt auch für Kreuze, die deshalb für mich eine Doppelbedeutung haben“, erzählt Ocher, die auf dem „Eden“-Cover ein Holzkreuz wie zum Schlag ausholend über ihrem Kopf hält.

Mary Ocher brach die Schule ab, verweigerte den Wehrdienst und wurde so automatisch zur Außenseiterin. Sie arbeitete in unzähligen Jobs, war Kellnerin, Plattenverkäuferin und Assistentin eines Privatdetektives. Doch meistens flog sie schnell wieder raus oder schmiss die Sache selber hin. Songs schreiben hingegen fiel ihr schon als Kind leicht. Mit fünf oder sechs Jahren begann sie Flöte zu spielen. „Ich hatte einen sehr ambitionierten Lehrer, der mich zu einem Profi machen wollte und zu Wettbewerben schickte. Mit zwölf informierte ich ihn, dass ich Rockmusik machen wollte, woraufhin er sagte, das sei Müll.“ Was Ocher nicht davon abhielt, sich das Gitarre- und Klavierspielen selbst beizubringen, eine Band zu gründen und schließlich tatsächlich Profimusikerin zu werden. In Berlin trat sie anfangs so oft wie möglich auf, egal wie klein oder schrottig eine Location war. So wurde sie zu einer mitreißenden Live-Musikerin, die nur mit einer Gitarre, einem kleinen Verstärker und ihrer Stimme einen immensen Furor entfachen kann. Mitunter erinnert sie dabei sogar an die junge PJ Harvey.

Dass Mary Ocher ihren Lebensunterhalt nun als Künstlerin verdient – sie dreht zudem Videos, schreibt Gedichte oder begleitet Sibylle Berg auf Lesetour – hat sogar ihre Eltern überzeugt. Beide hatten die Ambitionen der Tochter stets für unrealistisch gehalten und sie auch nicht unterstützt. „Vor allem meine Mutter wollte immer, das ich mich anpasse und beweise, dass ich in der Gesellschaft funktionieren kann.“ Auf ihre Weise tut Mary Ocher das nun, in Berlin, wo sie sich entspannter und akzeptierter fühlt als früher in Israel. Heimweh hat sie nie.

„Eden“ erscheint am 14. Juni bei Buback Tonträger. Record Release Konzert: 6. Juni, 22 Uhr, Urban Spree, Revaler Str. 99

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