Max Beckmann und sein Mäzen : Der Mann im Hintergrund

Kunstsammler Erhard Göpel arbeitete mit den Nazis zusammen, förderte aber auch Max Beckmann. Hundert Arbeiten aus der so entstandenen Kollektion hat seine Witwe jetzt den Staatlichen Museen Berlin geschenkt.

Max Beckmann, "Selbstbildnis an der Bar"
Max Beckmann, "Selbstbildnis an der Bar"Foto: SMB, Andreas Kilger/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Geschichte geht manchmal seltsame Wege. Es bedurfte des Besuchs einer „gestandenen bürgerlichen Kunsthistorikerin“ in der Ost-Berliner Nationalgalerie im Jahr 1984, um eine Beziehung zu entwickeln, die mehr als drei Jahrzehnte später in die testamentarisch verfügte Schenkung von genau hundert Arbeiten Max Beckmanns an die wiedervereinigten Staatlichen Museen Berlin mündete. Eugen Blume, damals Mitarbeiter des Ost-Berliner Zweighauses, hatte eine Ausstellung mit Grafiken Beckmanns in der Alten Nationalgalerie eingerichtet, und die Kunsthistorikerin, die er jetzt rückblickend als „bürgerlich“ apostrophiert, war Barbara Göpel, Witwe des Kunsthistorikers Erhard Göpel und eigentliche Verfasserin des unter beider Namen veröffentlichten Werkverzeichnisses der Gemälde Beckmanns.

Blume, später Leiter des Hamburger Bahnhofs und heute im Ruhestand, schloss mit seiner Besucherin Brieffreundschaft, und im vergangenen Jahr entschloss sich die damals 95-jährige Barbara Göpel, ihre Sammlung nach Berlin zu geben – kurz vor ihrem Tod. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil München, der jahrzehntelange Wohnsitz der Witwe und zuvor des Ehepaars Göpel, 1974 mit einer anderen Schenkung bedacht worden war, die den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen schlagartig zum weltweit zweitgrößten Bestand an Gemälden Beckmanns verhalf.

Stattdessen jetzt also Berlin. Die 100 Arbeiten – zwei Gemälde, 46 Zeichnungen und 52 Druckgrafiken – sind derzeit in der oberen Sonderausstellungshalle am Kulturforum ausgestellt. Der Raum ist weitgehend frei, die Arbeiten hängen ringsum an den Wänden, chronologisch nach den Lebensstationen des Künstlers geordnet. Einige wenige Vitrinen zeigen die Schriften der Göpels, insbesondere das Werkverzeichnis von 1976. Einzig in der Mitte des Saales steht ein Bildträger aufrecht, der ein beidseitig bearbeitetes Blatt zeigt, ein zweifaches Selbstbildnis Beckmanns. Eins davon hat der Künstler durchgestrichen und verworfen. Das Blatt stammt von 1917, dem Krisenjahr des Künstlers, der traumatisiert vom Fronteinsatz als Sanitätshelfer zurückkehrte und in Frankfurt am Main mühsam Fuß zu fassen suchte.

Die Zeit in Amsterdam war die härteste und fruchtbarste in Beckmanns Leben

1937 gingen Beckmann und seine Frau Mathilde „Quappi“ ins Exil nach Amsterdam. Dort wurden sie freilich drei Jahre später von der deutschen Besetzung der Niederlande überrascht und festgehalten. Die Zeit in Amsterdam war die entbehrungsreichste, künstlerisch indessen wohl fruchtbarste im Leben des 1950 im zweiten, amerikanischen Exil verstorbenen Malers. Und da kommt Erhard Göpel ins Spiel. Der studierte Kunsthistoriker hatte in den Zwanzigerjahren in den Niederlanden als Assistent eines RembrandtForschers gearbeitet. 1939 zur Wehrmacht eingezogen, wurde er 1942 zum „Sonderauftrag Linz“ abkommandiert. So half Göpel, Gemälde für das geplante „Führermuseum“ in Linz zusammenzukaufen, in Amsterdam und Paris – Göpel sprach fließend Niederländisch.

Zugleich war er aber ein Bewunderer der Malerei Beckmanns. Göpel besuchte den Künstler in dessen Atelierwohnung am Amsterdamer Rokin, kaufte neue Arbeiten und versorgte das Ehepaar mit dem Nötigsten, vor allem Malutensilien. Über Göpel gelangten etliche neue Gemälde nach Deutschland, seine Sondervollmachten sorgten für ungehinderte Wege.

„Diese durchaus zwiespältige Biographie Erhard Göpels“ – schreibt der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Michael Eissenhauer, in der Katalogbroschüre zur Ausstellung – erforderte bereits im Vorfeld der Schenkungsannahme „eine sensible Prüfung der Provenienz“. Diese Prüfung, vorgenommen und im Katalog erläutert durch den Provenienzforscher Sven Haase, habe „keine Verdachtsmomente auf einen verfolgungsbedingten Entzug bzw. Vermutungen hinsichtlich möglicherweise problematischer Besitzerwechsel während der Zeit des Nationalsozialismus“ erbracht.

Was immer sich Göpel zuschulden kommen ließ, im Falle Beckmann steht er unbefleckt da. Denn der Künstler ließ ihn, zum Dank für die illegalen und nicht ungefährlichen Bildertransporte zu Sammlern in Deutschland, 1943 ein Bild als Geschenk aussuchen. Göpels Wahl fiel auf das im Vorjahr entstandene „Selbstbildnis in der Bar“, dessen Weggabe Beckmanns Frau Quappi regelrecht erboste. Verständlicherweise, denn das Selbstbildnis ist eines der herausragenden in dem an Selbstbildnissen reichen Œuvre von Beckmann – und jetzt eines der beiden Gemälde der Schenkung von Barbara Göpel, in deren Wohnung es bis zu ihrem Tod 2017 hing.

Vergleichbar ist es insbesondere mit einem zwei Jahre später entstandenen, dem „Selbstbildnis in Schwarz“ – und da kreuzen sich die Münchner und Berliner Wege. Denn dieses spätere Porträt erwarben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bereits 1949 von dem Münchner Kunsthändler Günter Franke. Dieser hatte es von Beckmann gekauft, aus einem der von Göpel ermöglichten und von Beckmanns Sohn Peter durchgeführten LKW-Transporte mit neuen Bildern. 1974 überließ Franke den Münchner Museen nicht weniger als 30 Gemälde des Künstlers als anfangs besagte Schenkung. Göpel wiederum schrieb nach dem Krieg über Max Beckmann und gab dessen späte Tagebücher heraus.

Bis auf die drei späten Jahre in den USA sind alle Schaffensperioden vertreten

Für Berlin bedeutet der Gewinn des Selbstbildnisses von 1942 Balsam auf die Wunde, die die Nazis 1937 der Nationalgalerie geschlagen haben, als sie im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ fünf Beckmann-Gemälde konfiszierten. Darunter befand sich das programmatische „Selbstbildnis im Smoking“ von 1927, das später in die Museen der Harvard University gelangte. Das andere Bild für Berlin ist das lebensgroße Porträt eben von Erhard Göpel, der im Entstehungsjahr 1944 noch immer so selbstsicher und überlegen im Sessel sitzt, wie Beckmann ihn in der Bedrückung seines Exils erlebt haben muss.

Um diese beiden Gemälde gruppieren sich die Zeichnungen und Druckgrafiken, die das hiesige Kupferstichkabinett überhaupt erst in den Rang einer nennenswerten Beckmann-Stätte erheben. Bis auf die drei späten Jahre in den USA sind alle Schaffensperioden Beckmanns vertreten, am eindringlichsten wohl die Zeit des Ersten Weltkriegs, als Beckmann erst in Ostpreußen und dann an der Westfront eingesetzt war. Aus den nachfolgenden Frankfurter Jahren, als Beckmann so etwas wie ein Gesellschaftslöwe wurde, ist das Bildnis der gerade angetrauten Quappi von1925 hervorzuheben. Mindestens 17 Zeichnungen erwarb Göpel bei Beckmann in Amsterdam, darunter pikanterweise auch die 1919 entstandene große Zeichnung einer der Kuppeln der Frankfurter Synagoge, die in der Reichspogromnacht niedergebrannt und zum Zeitpunkt der Erwerbung bereits Vergangenheit war. Göpel hat sich daran nicht gestört.

Max Beckmann ist durch seinen Lebensweg eng mit den Monstrositäten der NS- Kulturpolitik verbunden. Er konnte sich nicht aussuchen, mit wem er in Amsterdam zu tun hatte. Sein bis in die ersten Exiljahre wichtigster Sammler und Förderer war der junge Stephan Lackner, der als Jude selbst emigrieren musste, zunächst nach Paris. Er nahm seine hochbedeutende Beckmann-Sammlung schließlich mit nach Amerika. Von dort verkaufte er nach und nach Bilder, darunter das Triptychon „Versuchung“ 1977 an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

An Lackners Stelle trat ab 1943 Erhard Göpel, wohl nicht gleichermaßen mäzenatisch, aber doch ähnlich lebenssichernd. Die Geschichte geht eben seltsame Wege. Sie führen von Amsterdam nach München und über Ost-Berlin in die wiedervereinigte deutsche Hauptstadt. Hier in Berlin hatte Beckmann ab 1933 Unterschlupf gefunden, ehe er im Juli 1937 nach Amsterdam ging.

Kulturforum, Sonderausstellungshalle, bis 13. Januar. Ausstellungsbroschüre 8 €. Informationen unter www.smb.museum

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