Max Liebermann Haus : Eine märchenhafte Ausstellung mit Leiko Ikemura

Durch den Traum hüpft eine Häsin: Das Max Liebermann Haus kombiniert Bilder und Skulpturen der Schweizer Künstlerin Leiko Ikemura mit Fotografien von Donata und Wim Wenders.

Wurzelwesen. Ausschnitt aus Leiko Ikemuras Triptychon „Genesis“ aus dem Jahr 2014. Mit Temperafarbe malte die Künstlerin auf Jute.
Wurzelwesen. Ausschnitt aus Leiko Ikemuras Triptychon „Genesis“ aus dem Jahr 2014. Mit Temperafarbe malte die Künstlerin auf Jute.Foto: Stiftung Brandenburger Tor, VG Bildkunst, Bonn 2018

Draußen auf dem Pariser Platz wird jeder Aufreger dieser Welt verhandelt. Das Brandenburger Tor verleiht als politisch-folkloristische Kulisse noch der kleinsten Demonstration Bedeutung. Sogar Selfies auf dem Segway oder dem Bierbike erhalten hier einen Schatten von Würde. Während also auf dem Pariser Platz das Leben kurzatmig nach Luft schnappt, herrscht im Haus Nr. 7 meditative Ruhe.

Im Max Liebermann Haus kombiniert die Schweizer Künstlerin Leiko Ikemura eigene Malerei und Plastik mit den Fotos von Donata und Wim Wenders. Herausgekommen ist eine märchenhafte Ausstellung, die der Intuition vertraut und die Besucherinnen und Besucher in einen schlafwandlerischen Zustand versetzt.

Am Eingang grüßt Usagi, die Häsin. Das Mischwesen aus Mensch und Hase trifft man immer dort, wo die Kunst die Sicherheit der greifbaren Realität verlässt und das unbekannte Territorium des Traums erkundet. Sie taucht auf in der Malerei von Valérie Favre und in den Filmen von David Lynch. Bei Leiko Ikemura trägt die Bronzefigur einen durchbrochenen Reifrock, spitzt die Ohren und rümpft die Nase. Nach der japanischen Überlieferung erscheint im Vollmond der Schatten eines Hasen, der Reiskuchen bäckt, als Sinnbild für den Kreislauf des Lebens. Im Max Liebermann Haus lädt die Häsin ein zur Rundfahrt auf dem Strom des Unterbewusstseins. Vorbei an lodernden Gesichtern, die geprägt sind von Mythen und Mangas.

Ikemura verwebt Lebenseindrücke mit japanischen Traditionen

„Genesis“ heißt eins der Hauptwerke von Leiko Ikemura. Jedes Einzelbild des Triptychons aus dem Jahr 2014 ist fast zweimal drei Meter groß, mit Tempera auf Jute gemalt. Der Rupfen liefert mit seiner Struktur den erdfarbenen Hintergrund für die Entstehung des Menschen. Fluss, Berg und Baum sehen aus, als seien sie immer da gewesen. Aus dem Wurzelwerk schälen sich kleine Wesen heraus.

Leiko Ikemura, 1951 geboren, verließ Japan mit 21 Jahren, studierte erst spanische Literatur, dann Malerei in Sevilla. Von 1991 bis 2015 unterrichtete sie als Professorin an der Universität der Künste Berlin. In ihrer Kunst verwebt sie die Eindrücke ihrer Lebensreise mit japanischen Traditionen. In „Genesis“ erinnern Berge und Bäume an chinesische Tuschzeichnungen, die ihrerseits die japanische Malerei beeinflusst haben. Die Wurzelmenschen aber könnten aus einem Comic stammen.

Donata Wenders hat die Künstlerin fotografiert

In einem Kabinett huldigt die Künstlerin dem spanischen Maler Francisco de Goya mit einer Reihe von Damenporträts, die sich aus der Erinnerung zu verfestigen scheinen. Erst bleiben sie Schemen, dann werden sie feiner und konkreter und lassen ihr Vorbild erkennen. Im gleichen Raum sind auch die Utensilien der Malerin zu sehen. Mit breiten Pinseln und der stark verdünnten Farbe erreicht sie, dass sich die fließenden Konturen zu Ahnungen verdichten.

Donata Wenders hat die Künstlerin so fotografiert: mit triefendem Pinsel trägt Leiko Ikemura wässrige Farbe auf Gaze auf. In dem Bild nimmt die Fotografin den Gedanken des Fließens auf. Ein anderes Foto entstand an der Oder, da öffnet sich der Fluss zwischen seinen flachen Ufern in eine unendlich wirkende Weite. Zarte Fotogravüren von schwebenden Tänzerinnen spiegeln die Fata Morgana in der Malerei.

Eine Ausstellung der Übergänge

Wim Wenders schließlich setzt Roadmovie-Akzente mit dem Foto eines knorrigen toten Baumes, der sich im Abendlicht über die Stadt Onomichi beugt. Onomichi war einer der Drehorte für den Film „Tokyo Stories“ des japanischen Regisseurs Yasujiro Ozu, den alle drei gleichermaßen verehren. Von Wim Wenders stammen auch die Bilder aus Fukushima. Bei einer Reise zum havarierten Atomreaktor fotografierte der Düsseldorfer Filmregisseur die tückisch idyllische Natur, bis sein Geigerzähler ausschlug. Beim Entwickeln entdeckte er eine wellenförmige Linie, die sich über den Film zog. In ihren Kurven, so glaubt er, manifestiert sich die Strahlung.

Die Ausstellung erzählt von den Übergängen zwischen Schönheit und Zerstörung, zwischen Entstehen und Vergehen, zwischen Wissen und Träumen, zwischen Erde und Mond. Zurückhaltend ergänzen sich die Werke zu einer Reise ins Reich der Häsin.

Stiftung Brandenburger Tor, Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, bis 27. 5.; Mi–Mo 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Galerie Kewenig, Brüderstr. 10, bis 30. 6.; Mo–Sa 11–18 Uhr

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