Maxim Gorkis Drama "Die Letzten" im Gorki Theater : Erst schmähen, dann schlagen

Jugend ohne Gott: András Dömötör inszeniert Maxim Gorkis Drama „Die Letzten“ im Berliner Gorki Theater.

Schauermärchen hinter Glas. Ein russisches Familienidyll am Gorki-Theater.
Schauermärchen hinter Glas. Ein russisches Familienidyll am Gorki-Theater.Ute Langkafel/Gorki Theater

„Ich will essen“, sagt Ljubow, die Tochter. „Wessen Brot willst du essen, du buckliges Stück Dreck?“, gibt Vater Iwan zurück. Ljubow, das nur nebenbei, ist körperlich behindert, weil ihr alter Herr, der mutmaßlich nicht ihr Erzeuger ist, sie im Suff die Treppe herunter gestoßen hat. Man merkt schon, es sind nicht einfach prekäre Verhältnisse, die der Realist Maxim Gorki in seinem Drama „Die Letzten“ aus dem Jahr 1907 beschreibt, sondern völlig entseelte.

Das Stück, angesiegelt im vorrevolutionären Russland und seinerzeit von der Zensur verboten, erzählt, wie gesellschaftspolitische Brüche mit ihrer brutalen Verunsicherungswucht auf die Menschen wirken. Wie sie moralische Gerüste erodieren lassen und zuallererst die Sprache deformieren. Vor dem Schlag ins Gesicht steht das Schmähwort, an dem sich niemand mehr stört. Horváth hat das später in „Jugend ohne Gott“ ebenfalls beklemmend beleuchtet.

Mit den „Letzten“ in der Regie des Ungarn András Dömötör feiert das Gorki Theater die finale Premiere dieser Spielzeit. Dass der Namensgeber des Hauses ausgerechnet mit diesem Stück auflebt, ergibt vor dem beschriebenen Hintergrund absolut Sinn. Man kann ja kaum anders, als an den Fall einer Kreuzberger Lokalchefin zu denken (der Tagesspiegel berichtete), die bei den Fußballübertragungen in ihrem Laden eine zunehmende Verrohung der Sitten ausgemacht hatte („Du schwule Sau, hau ab da“) – und die dafür nicht zuletzt das Erstarken der Rechten mit ihrer programmatischen Abwertung anderer verantwortlich sah. Ihre Konsequenz: Sie erklärte AfDler und Co per Tweet für unerwünscht. Jetzt tobt darüber der Shitstorm, und die kein bisschen alarmistische Frage drängt sich auf: Leben wir wieder in Wendezeiten?

Dömötör erzählt „Die Letzten“ als Schauermärchen hinter Glas

Die Amme, die in der zugespitzten Gorki-Fassung von András Dömötör das Geschen als Außenstehende kommentiert (und als präzise Travestie von Dimitrij Schaad verkörpert wird), hat jedenfalls schon den perfekten Verachtungsjargon drauf. Jakow, der Bruder des schrecklichen Iwan (Schaad in einer Doppelrolle), sei ein „ekelhafter Demokrat und Humanist“, teilt die säugende Schrapnelle uns mit, kurzum: „ein sehr weicher Mensch“. Pfui Teufel! Abgesehen davon ist Jakow tatsächlich weich, allerdings kein Mensch. Der Bedauernswerte, bei dem Vater Kolomizew, seine Frau Sofja (die abwechselnd von sämtlichen Ensemblemitgliedern verkörpert wird) sowie die fünf Kinder sich eingezeckt haben, ist hier ein überdimensionaler Teddybär. Und wo Jakow im Original seufzend die Rubelscheine zückt, geht es ihm nun an die wattigen Eingeweide. So ist es, wenn jemand ausgenommen wird.

Dömötör erzählt „Die Letzten“ als Schauermärchen hinter Glas (Bühne: Magda Willi). Im derart abgeschotteten, sehr Berlin-Mitte-mäßig eingerichteten Kinderzimmer mit Klavier, das offenbar auch nicht für die nötige Herzensbildung gesorgt hat, tummeln sich die Zöglinge als zombieske Gestalten mit bunten Haaren und Hipster-Pyjamas, auf denen sich zum Beispiel Animé-Figuren mit Reichsadlern treffen. Ideologisch total en vogue. In der infantilen Regression gefangen, schluckt der Nachwuchs, zumindest mehrheitlich, auch brav die Lügen, die Big Daddy auftischt. Der ist ein suspendierter, korrupter und selbstmitleidig-narzisstischer Polizeichef, der wegen Gewalt an Gefangenen seinen Posten räumen musste und unlängst von einem „Terroristen“ angeschossen wurde. Dass der in Haft sitzende Tatverdächtige eigentlich unschuldig ist, weiß Iwan selbst am besten. Aber das wird – auch gegenüber der flehenden Mutter (Ruth Reinicke) – unter der Rubrik „alternative Wahrheiten“ verbucht.

Hier wird alles auch ästhetisch überhöht

Die älteste Tochter Nadeshda (Mareike Beykirch) und ihr Mann Leschtsch (Knut Berger) finden diesen Lebensentwurf ganz und gar nicht beanstandenswert, sondern eifern vielmehr dem Stumpfsinn nach. Auch Alexander (Till Wonka) tritt, noch vertrottelter, noch verrohter, in die Fußstapfen seines Vaters. Einzig die beiden Jüngsten, Wera (Vidina Popov) und Pjotr (Aram Tafreshian) – die Letzten – wehren sich noch gegen die Vereinnahmung durch den Zynismus.

Regisseur Dömötör, der bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater das Stück „Your Very Own Double Crisis Club“ von Sivan Ben Yishai und am Gorki Studio unter anderem „Mephistoland“ inszeniert hat, überhöht das alles ästhetisch. Aber er spürt in seinem Debüt auf der großen Gorki-Bühne durchaus der Kernfrage des Dramas nach: Was für eine Generation wächst heran, wo es kein humanistisches Fundament mehr gibt und keinen Glauben (auch bei Gorki ist es eine Jugend ohne Gott), wo die Eltern keine Moral vorleben, sondern rohe Kleinbürgerlichkeit? Die Antwort ist ein Alptraum. Einer, der wahres Splatterformat gewinnt.

Gut, das Kinderzimmerformat hat auch Tücken. Bei aller Stimmigkeit – die Anfälligkeit für böse Märchen ist ja weltweit zu bestaunen und eben nicht nur bei Kindern – liegt die Gefahr der Verzwergung nahe. Besonders der Jakow-Teddy nimmt der Geschichte einige Härte. Nichtsdestotrotz ist es ein Abend zu rechten Zeit. „Es gibt zuviel Wirklichkeit da draußen“, heißt es einmal.

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Wieder am 28.6., 19.30 Uhr, weitere Termine in der kommenden Spielzeit

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