me Collectors Room : Permanent präsent

Steine, Stahl und Sounds von Simon Stockhausen: Die Ausstellung Transverse Wave im me Collectors Room.

Collage aus Kieseln. Mary Bauermeisters „Steingeburt“ von 1981.
Collage aus Kieseln. Mary Bauermeisters „Steingeburt“ von 1981.Foto: Peter Hinschläger / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Einerseits bedient die Ausstellung alle Klischees. Mary Bauermeister, die Künstlerin, sammelt Steine und anderes organisches Material, um daraus atmende Skulpturen zu machen: rhythmisch strukturiert, zu Steinbergen getürmt oder in Muster gelegt, aber doch unregelmäßig geformt.

Rashid Al Khalifa, der Künstler, arbeitet mit dem Material Stahl und liebt das Serielle. Seine Skulpturen im me Collectors Room könnten aus industrieller Produktion stammen, die Raster sind wie mit dem Lineal gezogen. Abweichungen nicht erlaubt.

Zwei Prinzipien, das eine weiblich, das andere männlich konnotiert. Wie Yin und Yang stehen sie sich gegenüber – auch im Ausstellungsraum, jedes hat seinen eigenen Ort. Es wäre sinnlos, Bauermeisters tropfsteinartige Arbeit „Howevercall“ von 1964 aus Treibholz, Ruß und Wolle mit Al Khalifas hängendem Mobile „Pressure Wave“ (2018) zu kombinieren: Technoides gegen die Vergänglichkeit der Natur.

Dazwischen schwebt in der Ausstellung „Transverse Wave“, ein Stück von Simon Stockhausen. Die Auftragskomposition von Mary Bauermeisters Sohn nimmt nicht bloß Rücksicht auf den Ort und beide Künstler, die mit in den Arbeitsprozess einbezogen wurden.

Sie kommt selbst aus sechs mächtigen, überall im Raum verteilten Lautsprechern. Was den Tönen einen eigenen skulpturalen Charakter verleiht und die Musik zu einem körperhaften Dritten macht.

Zwischen ihnen vermittelt die Musik

Entlang dieser imaginären Form bewegt man sich durch die ungewöhnliche Schau, die auf Differenz anstelle optischer Übereinstimmung setzt. Dabei haben beide künstlerische Behauptungen ihren Reiz, und es liegt nahe, dass jeder Besucher – nach individuellen Vorlieben – seinen eigenen Favoriten wählt.

Dass Bauermeister, Jahrgang 1934 und tief mit der Fluxus-Bewegung der sechziger Jahre verwoben, Zufall und Chaos als gestalterische Prinzipien propagiert, mag nicht jedem behagen. Die Strenge und optische Hermetik ihres knapp 20 Jahre jüngeren Kollegen aber ebenso wenig.

Zwischen ihnen vermittelt die Musik: sphärisch, streckenweise minimal, experimentell und permanent präsent. Wie ein akustischer Begleiter, der einem unaufhörlich Kluges oder Erklärendes zur Ausstellung ins Ohr raunt.

Sound Design als Brücke

Tatsächlich ergänzen Glockenspiel und Xylophon, beleben jazzige Improvisationen und digitales Wasserrauschen die Arbeiten der anderen beiden Künstler. Stockhausen reflektiere ihre „Konstruktionsprinzipien“, erläutert ein begleitender Text.

Vielleicht macht seine Musik aber auch etwas hörbar und so erfahrbar, was in der Kunst von Bauermeister wie Al Kahlifa tief eingeschlossen ist: diese Wellenbewegung, von der „Transverse Wave“ erzählen will.

Die runden, vom Meer gewaschenen Kiesel der Künstlerin arbeiten assoziativ mit dem Thema. Ihre „Lichttücher“, deren zarte Transparenz das Geflickte und die dicken Nähte des Stoffes erst recht betont, scheinen in der fließenden Bewegung festgezurrt und erinnern an Membranen.

Hier zeigt sich, dass Bauermeister und der aus Bahrain stammende Al Kahlifa trotz unterschiedlicher Sozialisation doch einiges verbindet: Seine Reliefs erinnern an ornamentierte Fenster des Orients, durch die das Sonnenlicht gefiltert wird und außerdem ein gleitender Übergang zwischen dem privaten Innern des Hauses und der Öffentlichkeit entsteht.

In der Überbetonung des Unterschieds offenbart sich am Ende doch Gemeinsames – und Stockhausens sensibles „Sound Design“ wird zum verbindenden Element.

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