Mediengeschichte im DHM : Wenn Wörter Waffen werden

Von Luther bis Twitter: Das Deutsche Historische Museum in Berlin präsentiert 500 Jahre Mediengeschichte.

Jugendliche auf dem Fotoarbeit "Smartphone Stacks" von Florian Mehnert.
Jugendliche auf dem Fotoarbeit "Smartphone Stacks" von Florian Mehnert.Foto: Florian Mehnert/DHM

Gleich am Eingang werden die Besucher von einem Videosäule mit dem Twitter-Account von Donald Trump begrüßt. Wenige Politiker nutzen den Kurznachrichtendienst so intensiv wie „POTUS“, wie der 45. Präsident der Vereinigten Staaten sich dort nennt. Die exzessive Selbstdarstellung könnte helfen, seine Wiederwahl zu sichern.

Daneben liegt ein Haufen Bleidrucklettern in einer Vitrine, Symbol der Zeitenwende, die mit der Erfindung des Buchdrucks begann. Dahinter: ein beinahe raumhoher Pilzlautsprecher der Marke Telefunken. Die Nationalsozialisten stellten sie auf Straßen und Plätzen auf, wenn Kundgebungen stattfanden oder Reden übertragen wurden. Sie sollten für eine flächendeckende Verbreitung der Propaganda sorgen und funktionierten als Kontrollobjekte. Wer weghören wollte, machte sich verdächtig.

Konturen der Gegenwart

„Von Luther zu Twitter“ heißt die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM), die sich mit den Wechselwirkungen von Medien, Politik und Gesellschaft beschäftigt. Es ist eine komplizierte, längst nicht abgeschlossene Geschichte, aber der Historikerin Melanie Lyon und dem Soziologen Harald Welzer gelingt es als Kuratoren, sie so zu erzählen, dass in den Artefakten der Vergangenheit immer auch die Konturen der Gegenwart zu erkennen sind. Medien umgeben uns, wahrscheinlich gibt es sie schon so lange, wie Menschen leben, sprechen, kommunizieren.

Mobiler Radioempfang im Jahr 1928.
Mobiler Radioempfang im Jahr 1928.Foto: Ullstein/DHM

Der erstaunlichste Gegenstand in der Ausstellung stammt aus der Zeit zwischen 3375 und 3075 vor Christus. Die tulpenförmige Tontrommel aus der sogenannten Salzmünder Kultur, 1973 an der Saale im heutigen Sachsen-Anhalt ausgegraben, diente wohl religiösen oder rituellen Zwecken. Im Prolog des Rundgangs ist sie wie ein Höhlenrelikt inszeniert, hell erleuchtet vor schwarzem, nischenartigen Hintergrund. Die Zeichen auf dem Musikinstrument – Striche, Strahlenkreise, Zickzacklinien – konnten bis heute nicht entziffert werden. Jede Botschaft hat ihre Haltbarkeitsgrenze.

Fünf historische Zäsuren

Durchs Dunkel zum Licht, vom Sprechen zum Schreiben zum Vervielfältigen. Die Ausstellung konzentriert sich auf fünf historische Zäsuren: Buchdruck, Presse, Rundfunk, Fernsehen und Internet. Dabei will sie jeweils neben der „Machterzählung“, so Welzer, auch die „Gegenerzählung“ zeigen. Besonders eindrucksvoll gelingt das in dem Raum, der dem Kampf um die Reformation gewidmet ist. Er wurde mit schnell produzierten Schriften und Bildern geführt, die ohne Gutenbergs Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern von 1450 nicht möglich gewesen wäre.

An einer Wand hängen dreißig Reproduktionen von Luther-Porträts, mit Nägeln angeschlagen wie 1517 angeblich dessen 95 Thesen an der Tür der Wittenberger Schlosskirche. Flugblätter zeigen den Reformator als siebenköpfiges Teufelswesen oder, in Umlauf gebracht von Lucas Cranach, den Papst als „Monstrum Romae“ mit Eselskopf und Brüsten. Zu den Prunkstücken gehört ein Erstdruck von Luthers Übersetzung des Alten Testaments. Darin hat der ehemalige Besitzer nicht nur eine Luther-Radierung von Cranach, sondern auch Autographen von Luther und Melanchthon eingeklebt.

Madonna ohne Kopf

Zwar stellten die Reformatoren die Heiligenverehrung in Frage, aber ohne Personenkult kamen auch sie nicht aus. Die Kanzel, die symbolhaft an einer Säule hängt, ist leer. Das Welterklärungsmonopol der katholischen Kirche war gebrochen. Es folgten Bilderstürme und Konfessionskriege. Beispielhaft für die von Worten und Ideologien entfesselte Gewalt steht eine Madonna mit Kind, der während der Bauernkriege in Mühlhausen der Kopf abgeschlagen wurde.

Mit dem Zeitungsboom des 19. Jahrhunderts vervielfachte sich der Meinungsmarkt, jede politische Richtung von den Nationalkonservativen bis zur Arbeiterbewegung publizierte ein eigenes Blatt. Titelseiten von der „Neuen Preußischen Zeitung“, dem „Freischärler“, vom „Kladderadatsch“, der „National Zeitung“, der „Deutschen Tribüne“, „Vossischen Zeitung“ und der „Frauen- Zeitung“ hängen friedlich nebeneinander. Dabei waren sie einander oft spinnefeind. Zeitung gelesen wurde gerne auch in „Lesekabinetten“, einem Versammlungsort pfeiferauchender Männer, wie ein Gemälde aus der Biedermeierzeit zeigt.

Die Öffentlichkeit zersplitterte in Gruppen von Ähnlichgesinnten, eine Entwicklung, die an die Blasenbildung in den sozialen Medien von heute denken lässt. „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein“, schrieb Karl Marx in der „Rheinischen Zeitung“, deren Chefredakteur er war.

Hitlers Bellen

Sein Zitat ist, wie andere Äußerungen auch, in der Ausstellung des Deutschen Historischen Museums als Sprechblase zu sehen. Von Freiheit konnte allerdings auch außerhalb der ökonomischen Verhältnisse keine Rede sein. Das Kölner Blatt wurde 1843 ein Jahr nach seiner Gründung von der preußischen Zensur schon wieder verboten, weil es kritisch über die Armut der Moselbauern berichtet hatte.

Plakat, das zum Boykott der Volkszählung 1987 aufruft.
Plakat, das zum Boykott der Volkszählung 1987 aufruft.Foto: DHM

Endgültig zur Waffe gemacht wurden die Massenmedien von den Nationalsozialisten. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Rundfunk. „Ganz Deutschland hört den Führer mit dem Volksempfänger“ heißt es auf einem Plakat, auf dem sich Menschen um ein Radio scharen. Aus Hörstationen wehen die bellenden Stimmen von Goebbels und Hitler herüber, Liveübertragungen von der Fackelparade zur Machtübergabe und den Bücherverbrennungen. Nachdem 1923 der Rundfunk in Deutschland auf Sendung gegangen war, verbanden sich damit viele Hoffnungen. Doch schon 1926 klagte Tucholsky über das „nach rechts“ kippende Programm mit seinen „Militärmärschen und bebarteten Vaterlandsvorträgen“.

Zu Tode amüsiert

Euphorie und Enttäuschung. Hat das Fernsehen, das seinen weltweiten Siegeszug nach 1945 begann, die Menschen klüger und politisch bewusster gemacht – oder sie „zu Tode amüsiert“, wie der Medientheoretiker Neil Postman befand? Wohl beides. In der Ausstellung kann man sich in einem Sessel zurücklehnen und noch einmal Höhepunkte der Fernsehgeschichte an sich vorbeirauschen lassen: das legendäre Wahlkampfduell zwischen Kennedy und Nixon, Bilder aus dem Vietnamkrieg, Fußballweltmeisterschaften und Maueröffnung, die Samstagabendshow „Wetten, dass..?“.

Am Ende wird die Inszenierung klaustrophobisch. Die Besucher bewegen sich durch labyrinthische Gänge, vorbei an Fenstern und Spiegeln, gefilmt von Kameras, deren Bilder an Wände projiziert werden. Zu sehen sind Hippies auf einem Cover des „Whole Earth Catalogs“, in dem sich die amerikanische Gegenkultur für Computer begeisterte, und Plakate, die vorm Datenmissbrauch durch die Volkszählung von 1987 warnen. Ein Lernvideo erklärt das „Sozialkredit“-System der chinesischen Stadt Rongcheng. Es ist ein auf digitalen Daten basierendes Kontrollverfahren, bei dem schon kleinere Verstöße mit dem Verlust von Darlehen und Wahlrechten sanktioniert werden.

Depri-Befund und Optimismus

„Das Utopische wird schwächer“, fürchtet Harald Welzer. Doch dem „Depri-Befund“, von dem der Soziologe spricht, antwortet die Ausstellung mit einer optimistischen Perspektive. Am Ausgang stapeln sich Kisten, die auf partizipative Netzprojekte verweisen: Open Source und geteiltes Wissen, Projekte gegen Diskriminierung und Verschwörungstheorien. Medien können die Welt positiv verändern. Die Menschen müssen nur mitmachen (Deutsches Historisches Museum, bis 11. April 2021. Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr. Der begleitende Essayband ist bei S. Fischer erschienen, 320 Seiten, 18 €).

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