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Fachwerkhäuser im litauischen Klaipeda

© imago images/agefotostock

Tagesspiegel Plus

Mehr als Käse und Bier: Wie man in Litauen mit der deutschen Sprache und Kultur umgeht

Thomas-Mann-Haus, Bobrowski-Gedenkzimmer, Simon-Dach-Brunnen: Im einstigen Memelland tut man sich schwer mit dem deutschen Erbe.

Von Laurynus Katkus

Laurynas Katkus ist Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer. Er wurde 1972 in Vilnius geboren. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch der Roman „Schwankende Schatten“ im Berliner Klak Verlag. Übersetzt wurde er von Markus Roduner

Auf dem Warenzeichen der litauischen Brauerei Švyturys (Leuchtturm) ist ein Seeadler mit ausgebreiteten Flügeln und das Datum 1784 zu sehen. Die Brauerei behauptet, nicht nur die größte, sondern auch die älteste im Land zu sein. Vor 250 Jahren sei sie vom Händler J. W. Reincke in Memel gründet worden. Entsprechend enthält die Werbung von Švyturys-Bier viele Retro-Motive. Beispielsweise in einem Videoclip: An der Dange/Dant legen Segelschiffe an, aus Fachwerkhäusern rollen Fässer, Männer in schwarzer Kleidung mit aufgesetzten Melonenhüten kosten das Bier.

Ja, diese hundertjährige Bierbrau-Tradition ist ein Konstrukt der Werbung. Aber diese Bilder vermitteln eine Vorstellung von vielen, sogar der Mehrheit der Litauer: Sie stellen das Memelland dar, das Jahrhunderte Preußen und Deutschland gehört hatte. Nicht nur die Architektur, auch das Meer, der Handel und die Industrie waren etwas Exotisches in der litauischen Kultur, die sich historisch eher in einem bäuerlichen Biotop entwickelte. Exotisch sind auch die Darsteller: makellos gekleidet, gepflegte Gesichter, zweifellos fleißige und würdevolle Bourgeoisie. Ungefähr so, wie die Figuren aus den Romanen von Thomas Mann, der auf der Kurischen Nehrung ein Haus besaß und hier gern seinen Urlaub verbrachte.

In Sowjetzeiten galt Klaipeda als besonders reizvoll. Dabei bestand es hauptsächlich aus sowjetischen Wohnblocks, und das Haff war von einer Betonmauer abgeschottet, denn der Hafen galt als Militärgeheimnis. In der Heimatstadt von Hermann Sudermann, in Heydekrug/Šilute, war etwas mehr vom alten Flair erhalten geblieben, auch wenn die Gebäude in der breiten Hauptstraße in einem bedauerlichen Zustand waren.

Die Familie meines Cousins lebte im Kreis Šilute an den Bahngleisen. Ich kann mich noch erinnern, als sie mir während eines Besuchs das vor uns stehende längliche Gebäude mit roten Klinkern zeigten und sagten, dass es zu „anderen Zeiten“ ein Bahnhof gewesen war. Über der Tür stand etwas mir Unverständliches in einer schwarzen, gotischen Schrift geschrieben. „Das wird immer wieder unter Putz versteckt. Aber wenn ein größerer Zug vorbeifährt, bröckelt der Putz jedes Mal wieder ab“, sagte mein Cousin.

Im Kaliningrader Gebiet, wohin wir ab und zu zur Besichtigung und zum Einkaufen fuhren, sahen besonders die Kleinstädte immer noch aus wie gerade nach dem Krieg, überall waren Trümmer. In einem Riesenhaus wohnte einsam ein Kriegsveteran, der allmählich das ganze Gebäude auseinandernahm, um es zu verheizen. Die lutherischen Kirchen waren entweder Ruinen ohne Dach oder sie wurden als Lagerhallen und Garagen für Traktoren verwendet. Auch wenn man ähnliche Bilder in Litauen finden konnte, waren sie mit Kaliningrad doch nicht zu vergleichen. An diesem Ort schien aus Prinzip nichts Neues, Gutes entstehen zu können. Er war wie das Zentrum einer Entropie, wo eine Zivilisation nicht wächst, sondern verschwindet, überschattet von der Natur und von einem unklaren, nomadischen Ist-Zustand.

Auf der Kurischen Nehrung

© imago/Panthermedia

Ich muss sagen, dass dies auch einen gewissen morbiden Charme hatte. Der Anblick von verwahrlosten Siedlungen und Feldern animierte zum Phantasieren, was hier wohl früher losgewesen war, was für Menschen hier gelebt hatten. Man bekam das Gefühl, dass dieses Gebiet in deiner Verantwortung liege, und du wärest sein letzter Behüter.

Das wohl schönste Abenteuer meiner Kindheit war eine Segeltour. Mit einer kleinen Yacht verließen wir Memel und erkundeten die Buchten der Kurischen Nehrung. Wir fuhren zur breitesten Stelle des Haffs, wo man die Ufer nicht mehr sieht, in einen der zig Arme des Memel-Deltas und in den Friedrichskanal, der einst gegraben wurde, damit die Flößerei aus Litauen Königsberg von Stürmen verschont erreichen konnte. Am Abend, als Flaute herrschte, warfen wir den Anker an einer kleinen Siedlung, in der das typische Transportmittel der Einheimischen nicht Fahrräder oder Motorräder, sondern Motorboote waren.

Das Wasser, in allen seinen möglichen Formen, der endlose Himmel, die Dünen, ganze Scharen von Vögeln – das alles war eine unvergessliche, archetypische Erfahrung, die oft zum Gesprächsthema mit Freunden wurde. Als ich viele Jahre später die Gedichte von Johanes Bobrowski las, war mir sofort verständlich, wieso der Dichter so einen Drang verspürte, zu dieser Gegend in seiner Vorstellung und in seinen Gedichten zurückzukehren.

Aber zurück zum rechten Ufer der Memel, zum Memelland. Es mag exotisch anmuten, aber die Tatsache ist nun, dass es schon fast hundert Jahre lang Litauen gehört. Klar, sein Gesicht sah vor dem Zweiten Weltkrieg anders aus als danach. In den vierzig Jahren unter sowjetischer Besatzung wurde versucht, alles, was bis 1945 passierte, einfach auszulöschen. Als die Fesseln abgeworfen waren, stieg das Interesse an der kleinlitauischen und deutschen Identität, da wurden mehrere Institutionen gegründet oder wiederbelebt, wie etwa das Institut für Evangelische Theologie der Universität Klaipeda oder das Thomas-Mann-Kulturzentrum. Es wurden auch historische Denkmäler neu errichtet. Später nahm diese Energie ab.

Den heutigen Bezug des Memelgebiets zu seiner eigenen Geschichte trifft die erwähnte Werbung von Švyturys ziemlich gut. Es ist vor allem eine materielle und visuelle Rezeption. Das typische Erscheinungsbild von Klaipeda gilt längst als Wahrzeichen ihrer Identität. Die Käsesorten Tilžes (Tilsiter) und Memel blue sind in allen Geschäften landesweit zu finden, die Fachwerk- und die roten Backstein-Häuser sind renoviert, manche sogar richtig geschmackvoll und dienen als Restaurant, Hotel, manchmal auch als kulturelle Institution.

Bäuerliches Biotop: Das einstige Memelland östlich von Klaipeda

© PantherMedia / Matthias Krüttgen

Weitaus weniger Interesse erfahren die Kultur des Wortes, die Narrative und die Ideen der Region. Obwohl die litauischsprachigen Schriftsteller aus Ostpreußen das Fundament der litauischen Literatur bilden und als Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten gelten, wird deren Herkunft eher beiseite gelassen. Auch das Interesse an deutscher Sprache und Literatur ist in dem ehemaligen Memelland nicht größer als anderswo in Litauen. Nur dank privater Initiativen wird vereinzelt an die hiesigen deutschen Schriftsteller erinnert – so wurde beispielsweise das Gedenkzimmer von Bobrowski aus Berlin-Friedrichshagen nach Willkischken/Vilkyškiai verlegt.

Obwohl die Skulptur des Ännchen von Tharau von jeder Reisegruppe auf dem Theaterplatz besucht wird, gab es keine vollständige litauische Übersetzung des Gedichtes von Simon Dach, bis mir schließlich die Online-Bibliothek Baltic Sea Libary aus Berlin den Auftrag dazu gab. Unter solchen Umständen kann man leider nicht von einer aktiveren Rezeption der deutschen Texte aus Königsberg und Preußen sprechen, mit denen Texte von Dach, Bobrowski oder Sudermann ein geistiges Kontinuum bilden.

Ohne Zweifel liegt das daran, dass es in diesem Gebiet nach dem Krieg praktisch keine Einheimischen mehr gab, die sich für Deutsch, für memelländisch, für die Litauer des evangelischen Glaubens, die sogenannten Lietuvninkai, hielten.

Nostalgietourismus kann nicht die Lösung sein

Diejenigen, die nicht direkt nach Ende des Krieges weggingen, konnten das sowjetische Litauen in den fünfziger und sechziger Jahren dank der Vereinbarungen mit Adenauer verlassen. Die Familie meines Cousins, die in den achtziger Jahren nach Hannover zog, war eine der letzten. Es gibt nicht einmal mehr eine kleine Gemeinde von Autochthonen, die ihre Kultur weitergeben könnten.

Der Essayist und Übersetzer Laimantas Jonušys , mit dem ich schon oft darüber diskutiert habe, ist überzeugt, die Geschichte des Memellandes sei vollendet und es lohne sich nicht, über seine Besonderheit zu reden.

Ich aber bin anderer Meinung. Ja, seine Gegenwart ist keine konsistente Entwicklung der Geschichte. Und was wir in dem Verhalten der deutschen Gesellschaft und der deutschen Kultur-Organisationen sehen, ist eine Analogie zu den Tendenzen in Litauen: Die anfänglich große Aufmerksamkeit in den neunziger Jahren nahm allmählich ab. Jetzt sieht man hauptsächlich nur noch den ‚Nostalgietourismus', der sich an alldem, was bis 1945 geschah, festhält.

Aber ein Phänomen, das über hunderte Jahre existierte, kann nicht einfach spurlos verschwinden. Die drei komplizierten Jahrzehnte nach 1990 sind eine zu kurze Zeit, um das zu beurteilen. Vielleicht entstehen neue hybride Formen, die sich gerade erst formen. Stoff gibt es jedenfalls genug für eine Sonderstellung, für eine kulturelle Synthese im Memelland. Die alten Beschriftungen auf den Bahnhöfen sind erhalten. Die Häuser, die Viertel und die Straßen unter den Linden sind erhalten. Die Landschaften und die Bücher sind erhalten. Das reicht, das ist sogar mehr als genug.

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