Die Gefahr: Aufklärung und Menschenrechte werden als Wertekatalog des weißen Mannes denunziert

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Menschenrechte und Ideologie : Sabotage der Aufklärung
Nicht nur weiße, westliche Männer wirkten vor 70 Jahren in New York an der universellen Erklärung der Menschenrechte mit, sondern auch viele Frauen. Auf dem Bild zu sehen sind fünf von ihnen (v. l. n. r.): Die Libanesin Angela Jurdak, Fryderyka Kalinowski aus Polen, die Dänin Bodgil Begtrup, Minerva Bernardino aus der Dominikanischen Republik und die Inderin Hansa Mehta.
Nicht nur weiße, westliche Männer wirkten vor 70 Jahren in New York an der universellen Erklärung der Menschenrechte mit, sondern...Foto: UN Photo

Was hatte die westliche Wissenschaft alles ausgeblendet oder pathologisiert! Das andere, die anderen: Frauen, Schwarze, Lesben, Schwule, nichteuropäische Kulturen, Religionen, das Irrationale. Nicht nur privat kam Esoterik, New Age in Mode. Schleichend verabschiedete sich auch ein Teil der Forschung von Faktizität und Kritischer Theorie. Begriffe wurden üblich wie „Wissensproduktion“, bei der von der Gleichrangigkeit symbolischer Systeme ausgegangen wird, mit der ethnische, religiöse oder andere Gruppen ihre Identität konstruieren.

So wären auch Horoskope Produktion von Wissen, und selbst der Irrsinn der Reichsbürger dürfte legitim nach Würdigung rufen. Dass und wie die „identity politics“ der Linken die wachsenden identitären Bewegungen der Rechten inspiriert hat, darauf weist Francis Fukuyama in seinem neuen Buch „Identity“ hin, das im Februar 2019 auf Deutsch erscheint. Es ist eine Warnung vor fragmentierten, entpolitisierten Gesellschaften, die sich von der Demokratie entfernen.

Indes scheint das Dekonstruieren an einen Kipppunkt gelangt zu sein, denn in dem ideologischen Cocktail, der die Aufklärung zu überschwemmen droht, wimmelt es von Widersprüchen. Wenn Aufklärung, Rechtsstaat, Menschenrechte, Fortschritt als anmaßender Wertekatalog weißer, rationalistischer, machistischer und patriarchaler Männer denunziert werden, bleibt kein Fundament für soziales Handeln. Auch Karl Marx war übrigens ein weißer Mann. Die Geschichte, hatte er erkannt, ist eine der Klassenkämpfe.

Prominente begeben sich empathielos in Opferkonkurrenz zu den Juden

Mit Imperialismen und Kolonialismen, vom römischen über das osmanische Reich bis zum British Empire und so fort, expandierte die Machtlogik der Klassenkämpfe aus dem Inneren der Gesellschaften in den interkontinentalen Raum. Während die eine Arbeiterschaft in Manchester an Webstühlen und in Bergwerken schuftete, wurde die andere auf den Territorien in Übersee geschunden. Die Schoah hatte, als Kulminationspunkt aller kolonialen Strukturen, Europas Juden als „Rasse“ stigmatisiert, zu Arbeitssklaven gemacht und in Mordfabriken vernichtet.

Die UN-Charta der Menschenrechte, ausgerufen vor 70 Jahren am 10. Dezember 1948, war die internationale Reaktion auf die Schoah, auf den unvorstellbaren europäischen Zivilisationsbruch. Mitgearbeitet an der Charta hatten keineswegs nur weiße Männer, sondern auch Frauen aus Indien, Pakistan, dem Libanon, Europa und Asien.

Die aus den USA eingetroffene UN-Flagge wird im August 1948 in Paris entrollt, kurz vor der dritten UN-Generalversammlung. Am 10. Dezember wurde dort die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verkündet.
Die aus den USA eingetroffene UN-Flagge wird im August 1948 in Paris entrollt, kurz vor der dritten UN-Generalversammlung. Am 10....Foto: AFP

Diese Kontexte passen den antiwestlichen Theorien schlecht ins Konzept. Schockierend empathielos begeben sich vielmehr einige Prominente nachgerade in Opferkonkurrenz zu überlebenden Juden und deren Nachkommen. Insbesondere die Ikone der postcolonial studies, Gayatri Chakravorty Spivak, sieht eine heutige „Version des territorialen Imperialismus und Staatsterrorismus alter Prägung“ vor allem „in Palästina“ und zeigt Verständnis für Terrorismus. Sie fordert, ebenso wie die ikonische Feministin Judith Butler in Berkeley, den akademischen Boykott israelischer Künstler und Wissenschaftler – im Bund mit der antiisraelischen, teils offen antisemitischen Kampagne „Boycott, Divestment, Sanction“ (BDS).

Immerhin rücken allmählich jüngere Forschende die Dinge zurecht, etwa der Tübinger Politologe Floris Biskamp mit seiner Studie „Orientalismus und demokratische Öffentlichkeit. Antimuslimischer Rassismus aus Sicht postkolonialer und neuerer, kritischer Theorie“. Biskamp analysiert das Entstehen der postkolonialen Diskurse von Autoren wie Spivak, Edward Said oder Homi Bhabha, deren gerechtfertigte Anliegen ebenso wie deren Irrwege und Kurzschlüsse. Er hängt helle Laternen an die Bäume im Wald der Widersprüche und beleuchtet damit auch Thesen, die teils „frei von jeder rationalen Basis sind“. Solche Köpfe braucht die strauchelnde Demokratie. Ihre Worte sind eine Wohltat.

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