"Merrie Land" von The Good, The Bad & The Queen : Soundtrack zum Brexit-Blues

„Merrie Land“: Auf dem zweiten Album von Damon Albarns Allstar-Band The Good, The Bad & The Queen dominiert das Gefühl der Wehmut.

Tony Allen, Paul Simonon, Damon Albarn, Simon Tong (v.l.)
Tony Allen, Paul Simonon, Damon Albarn, Simon Tong (v.l.)Penny Smith/Warner

Ob Damon Albarn schon auf Wohnungssuche ist? Eigentlich müsste er sich langsam nach einer neuen Bleibe außerhalb Englands umschauen. Schließlich hat er angekündigt, dass er seine Heimat verlassen werde, sollte es tatsächlich zur Ablösung Großbritanniens von der Europäischen Union kommen. Und obschon die Verhandlungen darüber eher zäh voranzuckeln, scheint der Brexit-Prozess unumkehrbar zu sein. Ein unerträglicher Gedanke für den Kosmopoliten Damon Albarn, der seine Identität als multikulturell beschreibt und der die Abschottungspolitik für völlig falsch hält.

Dass es dem einst mit Blur zu Brit-Pop- Ruhm aufgestiegenen Musiker sehr schwer fallen wird, die Insel zu verlassen, dass er England bei aller Kritik zutiefst liebt und dass er letztlich bis ins Mark britisch ist, zeigt das am Freitag erscheinende Album „Merrie Land“, das der 50-Jährige mit seiner aus Tony Allen, Paul Simonon und Simon Tong bestehenden Allstar-Band The Good, The Bad & The Queen aufgenommen hat. Schon in dem vorab ausgekoppelten Titelstück, mit dem die Platte auch eröffnet, wird sein tiefer Zwiespalt deutlich. Darin packt er begleitet von einem schaukelnden Orgelmotiv seinen Koffer, winkt zum Abschied und steht dann traurig an der sturmumtosten Küste. Im letzten Drittel beteuert er zu elegischen Streichern seine Heimatliebe: „This is not rhetoric/ It comes from my heart/ I love this country“, um ein paar Zeilen später auf die ignoranten Reichen zu schimpfen, die alles zerstörten. „They are graceless and you shouldn’t be with them/ Because they are all disconnected and raised up in mansions“.

Die hier aufblitzende Wut ist eine Ausnahme auf „Merrie Land“, genau wie der gelegentlich durch die Zeilen huschende Sarkasmus. Denn das dominierende Gefühl der zehn Songs ist Wehmut. Wie eine schwere Decke legt sie sich über die zehn Lieder. Albarn, der schon mit Blur eine Platte „Modern Life is Rubbish“ nannte und das Gemälde einer alten Lok aufs Cover packte, betrauert eine idealisierte Version von England – das „merry old England“, auf das der Albumtitel anspielt. Diese vor allem in viktorianischer Zeit populär gewordene Vorstellung einer heilen, vorindustriellen Welt voller Feste und Elfen ist eine frühe Form des heute als Retromania beschriebenen Phänomens der Vergangenheitsverklärung.

Sepiafarbene Nostalgie

Bereits das erste Album von The Good, The Bad & The Queen aus dem Jahr 2007 war von einer sepiafarbenen Nostalgie durchzogen – und genau das machte den Großteil seines Charmes aus. Vieles auf „Merrie Land“ erinnert an dieses von Danger Mouse genial produzierte Meisterwerk, ohne jedoch eine so ähnlich betörende Wirkung zu entfalten. Was zum einen an den weniger zwingenden Songs liegt und zum anderen natürlich an dem ausbleibenden Wow-Effekt, diese Formation außergewöhnlicher Musiker erstmals miteinander spielen zu hören.

So bilden der stabile, mitunter dubbige Bass von Paul Simonon – einst bei The Clash – und die lässig verschleppten Grooves von Afrobeatmeister Tony Allen wieder das Fundament für Albarns melancholische Gesangsmelodien, um die er sorgsam seine Synthesizer- und Keyboardspuren arrangiert. Diese haben im Vergleich zum Vorgängeralbum an Präsenz gewonnen, Ex-The-Verve-Gitarrist Simon Tong agiert hingegen etwas unauffälliger als vor elf Jahren. Einen lärmigen Ausbruch wie im Finale des ersten Werkes findet man diesmal ebenso wenig wie die Akustikgitarren-Pickings mit leicht schnarrenden Saiten. Lediglich in der schönen, knapp dreiminütigen Ballade „Ribbons“ treten sie einmal prominent in Erscheinung. Neu im Klangbild sind dafür Bläser, Flöten und Chorgesänge, die dem Album einen Dreh ins Folkige geben und so die sentimentale Atmosphäre verstärken. Ein Männerchor begleitet etwa den Song „Lady Boston“, dessen würdevolle Getragenheit immer wieder von einem querschießenden Flötenmotiv aufgebrochen wird. Doch das Finale gehört allein dem langsam verhallenden Chor, der auf Walisisch eine Zeile variiert, die Albarn zuvor auf Englisch singt: „Dwi wrth dy gefn, dwi wth dy gefen di“ – Ich bin hinter dir, es tut mir leid für dich.

Berlin würde ihn herzlich empfangen

Derartiger, etwas versteckter, schräger Humor scheint immer mal wieder durch. „Gun To The Head“ etwa beginnt mit einem lustigen Flöten-Klavier-Intro, um sich dann mit Tuba und Chor in einen munter schwankenden Refrain hineinzuschwingen, der von Tierliebe handelt. Das leicht dadaeske Stück klingt in etwa so, als sei der aufs Land rausgezogene Geschäftsmann aus dem Blur-Song „Country House“ mehr als zwei Dekaden später zwischen all seinen Pillen und Kräuterbädern ein bisschen durchgedreht und torkele nun durch seinen Vorgarten, während er etwas von Einhörnern und Nachtigallen brabbelt.

Vielleicht ist es verwandt mit dem Protagonisten von „The Last Man To Leave“, der zwar seine Medizin trinkt, dann aber doch wie irre in seiner Küche herumtigert und fleht „Don’t leave me now. Don’t leave me now“. Aber es ist schon passiert: Sein Land hat ihn verlassen und nun muss er sein Land verlassen – wenn auch als Letzter. Was wirst du jetzt machen?, lautet die bange Frage am Schluss dieses von Keyboards und Streichern in eine Gruselhörspiel-Atmosphäre versetzten Stücks. Sie passt gut zum Cover von „Merrie Land“, das ein Schwarz-Weiß- Foto aus dem Film „Dead of Night“ zeigt, auf dem der Schauspieler Michael Redgrave von einer Bauchrednerpuppe in die Hand gebissen wird. In dem Horrorfilm von 1945 treibt die Puppe den Mann in den Wahnsinn, im Video zu „Merrie Land“ singt sie den Text – stellvertretend für den an England verzweifelten Sänger.

Das von Tony Visconti produzierte Album ist für Damon Albarn nach dem Gorillaz-Werk „The Now Now“ aus dem Juni bereits das zweite in diesem Jahr. Zwar überzeugt es deutlich mehr als die letzten beiden Platten seiner Comicband, doch seine lange Midas-Touch-Phase, in der er egal in welcher Konstellation ausschließlich Beeindruckendes veröffentlichte, scheint vorerst beendet zu sein. Vielleicht könnte ein Ortswechsel inspirierende Wirkung haben. Berlin würde den Brexit-Exilanten sicher herzlich empfangen. Und Deutsch kann er dank Schüleraustausch auch schon.

„Merrie Land“ erscheint bei Warner.

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben