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#MeToo in Deutschland : Ermittlungen gegen Wedel wegen Verdachts einer Sexualstraftat

Dieter Wedel soll Schauspielerinnen sexuell belästigt haben. Jetzt tritt er als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurück. Er sagt, Frauen hätten ihn zu erpressen versucht.

Dieter Wedel
Dieter WedelFoto: dpa

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen den Regisseur Dieter Wedel wegen einer möglicherweise nicht verjährten Sexualstraftat. Es liege ein Anfangsverdacht gegen den 75-Jährigen vor, sagte am Montagabend eine Behördensprecherin der Deutschen Presse-Agentur in München. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet. Ausgangspunkt für das Ermittlungsverfahren sei, so die Sprecherin weiter, ein Bericht im „Zeit“-Magazin.

Wedel hat nach der Bekanntgabe seines Rücktritts als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele ausführlich zu den Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs Stellung genommen. Der 75-Jährige hatte das Amt seit 2014 inne, er könne seine Aufgaben bei dem Theater-Festival nicht weiter wahrnehmen, erklärte eine Sprecherin. Obwohl Wedel sich derzeit den Angaben zufolge im Krankenhaus befindet und sogar eine Herzattacke erlitten haben soll, veröffentlichte er nun eine zweiseitige persönliche Stellungnahme. „Seit mehr als zwei Wochen sehe ich mich einer nicht enden wollenden Flut schwerster, öffentlich in den Medien erhobener Anschuldigungen und Vorwürfen ausgesetzt,“ schreibt er.

„Der Umfang und die Art und Weise dieser Beschuldigungen haben mich zutiefst verstört und erschüttert. Und auch die Tatsache, dass es nicht aufhört.“ Anfang Januar hatten mehrere Schauspielerinnen im „Zeit-Magazin“ Vorwürfe gegen Dieter Wedel erhoben – per eidesstattlicher Erklärung. Sie reichten von übergriffigem und cholerischem Verhalten bis hin zu erzwungenem Sex. Wedel stritt die Missbrauchs-Vorwürfe ab, ebenfalls mit einer eidesstattlichen Erklärung.

In der Stellungnahme führt er aus, dass die Vorwürfe teils über 20 Jahre zurückliegen und wichtige Zeugen, die zu seiner Entlastung beitragen könnten, bereits tot seien. Gleichzeitig betont er, dass er das Thema Machtmissbrauch für überaus relevant halte, die öffentliche Diskussion begrüße er. „Ich habe mir aber niemals vorstellen können, dass die Debatte auch irgendwann mich einmal betreffen könnte. Ich verabscheue jede Form von Gewalt, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer“.

Selbstkritik und Selbstverteidigung

Wedels Schreiben liest sich wie eine Mischung aus Selbstkritik, Selbstverteidigung und Gegen-Attacke. Einerseits erklärt der Regisseur, er habe bei der Arbeit immer versucht, die Leistung von Schauspielern zu verbessern, viele seien ihm dankbar dafür. „Andere habe ich offenbar zu sehr strapaziert oder gar seelisch verletzt, was mir sehr leid tut“. Gleichzeitig spricht er von Erpressungsversuchen und kolportiert Gerüchte über versuchte gekaufte Berichterstattung.

„Ich höre von Menschen, denen fünfstellige Beträge für Aussagen gegen mich angeboten wurden. Sie haben den Eindruck, dass mit enormem Aufwand Recherchen durchgeführt werden, deren Ergebnis aber von vornherein feststeht.“ Zudem hätten „vermeintliche Zeuginnen“ ihn zu erpressen versucht und ihm gedroht, ihn zu belasten, falls er ihnen nicht eine noch höhere Summe anböte als Verlage oder Zeitungen. Namen von solchen „Zeuginnen“ oder von Medien, die Aussagen zu kaufen versuchten, nennt Dieter Wedel nicht.

Deutschland hat nun endgültig auch seinen „MeToo“-Fall, obwohl der Fall Wedel weniger drastisch ausfällt als der des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein. Dieser war nach massiven Vorwürfen wegen vielfachen sexuellen Missbrauchs bis hin zur Vergewaltigung fristlos von seinem Chefposten bei der Weinstein Company entbunden worden. Auch andere prominente Männer in der Film-, Kultur- und Medienbranche hatten Jobs und Ämter verloren, darunter der Schauspieler Kevin Spacey bei Netflix. Zuletzt war der Schweizer Dirigent Charles Dutoit von seinen Funktionen als künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Royal Philharmonic Orchestra in London zurückgetreten, ebenfalls wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe.

Nach Bekanntwerden des Weinstein-Skandals im Oktober war in Deutschland zunächst kein Täter namentlich genannt worden. Dieter Wedel ist hierzulande der erste und bislang einzige konkrete Fall mit namentlichen und detaillierten Vorwürfen. In einem „Klima der Vorverurteilung“, so der zurückgetretene Intendant, könne er den Kampf um seine Reputation nicht gewinnen – weder mit juristischen Mitteln noch mit medialen Stellungnahmen. Wedel kündigte deshalb an, sich von jetzt an nicht mehr öffentlich zu äußern. Die Kommissarische Intendanz in Bad Hersfeld übernimmt der bisherige Künsterlische Leiter der Festspiele, Joern Hinkel. (mit dpa)

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