Konflikten weicht Thomas Langhoff aus

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Michael Eberths Tagebücher : Entlarvung einer Lebenslüge
Bühnen-Ahnen. Thomas Langhoff, DT-Intendant von 1991 bis 2001, auf dem Theatervorplatz vor der Büste seines Vaters, Leiter des Hauses von 1946 bis 1963.
Bühnen-Ahnen. Thomas Langhoff, DT-Intendant von 1991 bis 2001, auf dem Theatervorplatz vor der Büste seines Vaters, Leiter des...Foto: IMAGO

Es ist der Beginn eines schleichenden Desasters. Denn die Theaterszene blieb hinter den Kulissen, nicht nur in Berlin, lange noch zweigeteilt. DDR-Künstler wie Manfred Krug, Katharina Thalbach, Angelica Domröse, Einar Schleef oder Jürgen Gosch waren schon vor dem Mauerfall in den Westen gegangen, der brillante, empfindliche Ulrich Mühe verließ das DT 1990 noch vor Langhoffs Intendanz. Die Gebliebenen aber hielten mit Stolz und Trotz zusammen. Die Besten von ihnen hatten das kulturhistorische Verdienst, in den Endjahren der DDR auf den – gegenüber anderen Medien weniger stark zensierten – Bühnen schon kritische Fanale gegen Stalinismus, Versteinerung, Funktionärsherrschaft gesetzt zu haben. Andere wie Heiner Müller, Alexander Lang oder auch Thomas Langhoff, die sich zuvor bereits in beiden deutschen Welten bewegen konnten, wollten nun noch mal nachträglich ihre Ostverbundenheit beweisen.

Das hieß, dass Langhoff das altverschworene DT-Ensemble mitsamt der teilweise ideologisch belasteteten Dramaturgie zusammenhielt und auch weiter bestärkte – nicht nur in seiner verklärenden Selbsteinschätzung, „das beste der Welt“ zu sein. Eberth beschreibt ein Klima, in dem die hinzugekommenen Wessis (eine Minderheit von Akteuren wie Ignaz Kirchner, Michael Maertens oder Carla Hagen) als seelenduselige Weicheier verachtet werden, während das übrige Haus ganz auf die postbrechtische Kaltzeichnung von Menschen als Masken setzt – oder sich, wenn es psychologisch, politisch, ästhetisch zum Schwur kommen sollte, in die Ironie flüchtet. Langhoff weicht dabei, laut Eberths Notizen, auch als Regisseur in allen Konfliktfällen aus.

So stammt schon zu Langhoffs Eröffnungsinszenierung – Kleists „Käthchen von Heilbronn“ im Herbst 1991 – der erste Teil des Programmhefts von der Ost-Dramaturgin Eva Walch, die zweite Hälfte von ihrem West-Chef Michael Eberth. „Wird das erste Zwei-Welten-Heft in der Geschichte des deutschen Stadttheaters“, heißt es dazu.

Anwälte prüften das Buch vor Erscheinen auf Persönlichkeitsrechte

Zur Lebenslüge dieser „Einheit“ gehöre, schreibt Eberth, auch der Umgang mit den Stasi-Aktivitäten, in die Mitglieder des Hauses verwickelt waren. Langhoff, selber integer und zerquält, beschied Eberth: „Sei nicht so neugierig.“ Vorwürfe betrafen sogar die Verwaltungschefin und Stellvertreterin Langhoffs, die erst nach Eberths eigener Kündigung angesichts klarer Beweise als Ex-IM nicht mehr zu halten war. Der Berliner Alexander Verlag, in dem „Einheit“ jetzt erscheint, hat das Buch übrigens von Anwälten prüfen lassen. Eberth sagt, man habe nur wenig aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen gestrichen.

Thomas Langhoff ist 2012 an Krebs gestorben. Ob das DT auch seine Krebszelle war und was er seinem einstigen Freund und Kollegen erwidert hätte, wissen wir nicht. Nach Erfahrungen, die Theaterbeobachter in den 90er Jahren in und mit dem DT machen konnten, spricht viel für einen erheblichen Wahrheitsgehalt. Auch ist der Ton des Buchs nie respektlos eifernd. Vieles ist in der Analyse von Personen, Stücken, Aufführungen, Zeitumständen glänzend formuliert, und bei aller Anschaulichkeit und sprühender Intelligenz (die nicht immer ganz uneitel wirkt), schont Eberth sich selber nicht.

Eberth vernachlässigt seine Tochter

Wie bei ihm mit den Jahren das Verständnis für die Verhärtungen oder auch maskierten Versehrungen seiner von der „Regimezeit“ gezeichneten Ostkollegen zunimmt, so wächst seine eigene Verzweiflung. „Einheit“ ist das Zeugnis eines skrupulös selbstreflexiven (West-)Intellektuellen. Er sieht, wie die an der Frankfurter Schule (Adorno & Co.) oder an der ästhetischen Sensibilität seines Freundes Botho Strauß geschärften Instrumente gegenüber einer völlig anderen geistigen, biografischen Erfahrungswelt stumpf werden. Eberth über die Diskussionen mit seinen DT-Kollegen: „Sie erleben das, was von mir kommt, als ein an keine Wirklichkeit gebundenes Schwadronieren.“

Es hat was von Kafka: Der Chefdramaturg aus dem Westen erhält – Mitte der Neunziger! – kein Durchwahltelefon, er muss jedes Ferngespräch anmelden, jeder Brief an ihn geht erst durch die Hände der Verwaltungsdirektorin (der Ex-Stasimitarbeiterin). Es folgt die eigene seelische Verbunkerung. Eberths Beziehung mit der Schauspielerin Lena Stolze geht in die Brüche, er vernachlässigt, wie aufgefressen vom Theater, die gemeinsame Tochter, nennt das selber „ein Verbrechen“.

Am Ende, kurz vor der Kündigung, entdeckt er den noch unbekannten Jungregisseur Thomas Ostermeier, vermittelt ihm Stücke wie „Shoppen und Ficken“ und erfindet die legendäre „Baracke“ des DT. Dann ist Eberth weg. Das Buch bleibt so: eine Entzauberung. Aber spürbar ist zugleich die Sehnsucht nach dem Zauber, nach glückhafter Einheit.

Michael Eberth: Einheit. Berliner Theatertagebücher 1991 – 96. Alexander Verlag, Berlin. 343 Seiten, 24,90 €

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