Michael Irmer bei Gräfe art.concept : Mut zur Verletzlichkeit

Schattenmenschen. Ohne Arme und Gesichter. Der Künstler Michael Irmer porträtierte in ihrer Gestalt seine eigenen Narben. Die Galerie Gräfe art.concept widmet ihm seine erste Berliner Retrospektive.

Laura Storfner
Graue Zukunftsboten. Ein Gemälde von Irmer (1987).
Graue Zukunftsboten. Ein Gemälde von Irmer (1987).Foto: Graefe /VG Bildkunst, 2018

Als Michael Irmer seine Karriere in Düsseldorf begann, interessierte ihn der Kunstmarkt wenig. Er schätzte die Stille. Auf Eröffnungen bat er die Besucher manchmal, auf Smalltalk zu verzichten und seine Werke schweigend zu betrachten. Er redete niemandem nach dem Mund, sah sich als Einzelgänger. Museen und Privatsammler kauften seine Arbeiten trotzdem, im Rheinland findet man seine Skulpturen bis heute im öffentlichen Raum. Dass Irmer als Künstler keine Randfigur war, zeigt die Galerie Gräfe art.concept nun, 22 Jahre nach seinem frühen Tod, mit der ersten Berliner Retrospektive.

Bis zur ersten Ausstellung war es ein weiter Weg. Nach einer Lehre zum Steinmetz schrieb er sich 1974 in Düsseldorf an der Kunstakademie ein. Zu Beginn seiner Karriere hadert er mit sich, mit Vorbildern, mit seinen Motiven. Nur dem Material bleibt er treu. Er sah sich als Bildhauer, selbst wenn er malte. Anfangs war er unzufrieden mit seiner Malerei, die sich zu sehr an der Natur und der Kunstgeschichte orientierte. Es vergingen Jahre bis zu jenen spröden, starren, hochgewachsenen Figuren ohne Arme und Gesichter, die Räume einnehmen.

Wie vom Nebel verschluckt

Wie ein Besessener brachte Irmer die Gestalt immer wieder neu ins Bild. Er zeichnete sie, goss sie in Bronze, schuf sie aus dicken Farbschichten als Relief und ritzte ihre Konturen in Öl. Seinen bronzenen Stelen, seinen Köpfen und Büsten, die Hildegard Gräfe neben Zeichnungen und Gemälden (Preise: 6000–28 000 Euro) anbietet, kann man in der Galerie auf Augenhöhe begegnen. Die Patina der Plastiken übertrug Irmer auch auf die Leinwand. Seine Bildwelten erscheinen grau in grau, manchmal wirkt es, als würden die Figuren vom Nebel verschluckt, manchmal zeichnen sich ihre Silhouetten klar in der Dunkelheit ab. Irmers Grau ist nicht einfach trüb und verhangen, seine Leinwände glänzen silbern, sie scheinen matt in Anthrazit, Beton und Rauch. Aus Pigmenten, Lehm und Staub mischte der Künstler seine eigenen Zwischentöne, die wie Modelliermasse wirken.

Anfangs erinnern Irmers Figuren noch an jene von Alberto Giacometti, später emanzipiert er sich. Während Giacomettis dünne Schattenmenschen im weiten Ausfallschritt auf der Stelle treten, ruhen Irmers Wesen still und standhaft in sich. Wie Giacometti begeisterte er sich für das absurde Theater und Kafkas Protagonisten, die trotz ihres aufrichtigen Strebens an der Welt scheitern. Auszüge aus Becketts „Warten auf Godot“ verwendete er als Bildgrund, eine Szene aus Kafkas Prozess regte ihn zu einem Bild an. In gewisser Weise hat Irmer diesen tragischen, literarischen Helden Denkmäler gesetzt: Seine Figuren erzählen von Isolation, vom Daseins-Schmerz und wie es sich anfühlt, ungefragt in dieser Welt ausharren zu müssen.

Der Prozess war ihm wichtiger als das Werk

Auch Irmer war zeit seines Lebens ein Zweifler, stets mit sich selber ringend. Er musste sich erst leer fühlen, wie er sagte, um Kunst aus sich heraus schaffen zu können. Der Prozess, das ständige Überarbeiten und Suchen, war ihm dabei oft wichtiger als das fertige Werk. „Künstlerische Arbeit“, erklärte er einmal, „ist ständiges Scheitern auf bestenfalls höchstem Niveau“. Seine Figuren machen dieses Scheitern begreifbar. Sie machen sichtbar, was andere lieber verstecken: Narben, Verzweiflung und Einsamkeit. In einer Welt, in der Gefallen-Wollen zur höchsten Währung geworden ist und sich alle ständig selbst optimieren glauben zu müssen, setzen Irmers Arbeiten der Perfektion etwas entgegen. Sie stellen sich still in den Weg. Irmers Figuren bleiben anonym, sie wollen nicht um jeden Preis gesehen werden. Trotzdem kann man sich ihnen nur schwer entziehen.

Letztlich hat er auch immer sich selbst porträtiert. Die Wunden, die seine Figuren wie tiefe Furchen durchziehen, waren die eigenen. Als er 1988 wegen einer schweren Erkrankung behandelt wird, verlässt er den Operationstisch mit einer Nahtoderfahrung. „Wenn ich zu malen beginne“, sagte er damals, „spüre ich, wer ich bin, ich erkenne meine Winzigkeit“.

Seine Kunst spricht die Sprache der Mehrdeutigkeit

Sieht man seine Figuren heute, wirken sie erstaunlich gegenwärtig. In einer Zeit, in der Gender als Konzept immer stärker hinterfragt und Geschlechter im Fluss begriffen sind, erscheinen seine geschlechtslos anmutenden Körper wie Boten aus der Zukunft. Seine Motive lassen sich nicht auf Kategorien wie Mann oder Frau, Abstraktion oder Realismus reduzieren. Aus ihnen spricht selbstbewusst die Mehrdeutigkeit.

Auf den ersten Blick möchte man meinen, Irmers Figuren seien mit ihren Sockeln verwachsen und kämen nicht voran. Aber das ist falsch. Sie stehen nicht für Larmoyanz, sondern für den Mut sich einzulassen. Als wollten sie sagen: Egal, wie zerbrechlich ich mich fühle, ich stehe es durch. Ich rühre mich nicht. Ich bleibe.

Kollwitzstraße 72, bis 14. April

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