Michail Kalik im Arsenal : Erst Tauwetter, dann Giftschrank

Das Arsenal Kino in Berlin entdeckt den jüdisch-russische Regisseur Michail Kalik wieder - mit einer Werkschau.

Szene aus dem Film "Liebe" (1968)
Szene aus dem Film "Liebe" (1968)Foto: Arsenal Institut

Auch wenn das Sowjetimperium nie so groß war, dass die Sonne dort nicht unterging, war der Blick Richtung Horizont immer konstitutiv für das Selbstbild des Landes. Mit Kinderaugen betrachtet, klingt das so: Wer von Mütterchen Russland ausgehend immer der Sonne folgt, umrundet einmal die Welt, um schließlich wieder am Ausgangspunkt der Reise anzukommen. Das erzählt einer der Rotzlöffel in Michail Kaliks traumhaftem Abenteuerfilm „Der Sonne nach“ (1961), der einer kleinen Werkschau des jüdisch-russischen Regisseurs im Arsenal ihren Titel gibt.

Der sechsjährige Sandu nimmt den Nachbarsjungen beim Wort. Die Kinder treffen sich zum Spielen auf einem Hausdach, Sandu hat farbige Gläser dabei, durch die sieht der kommunistische Alltag gleich viel bunter aus. Kinderwahrheit besitzt manchmal eine geradezu zwingende Logik. Die Idee mit der Sonne lässt Sandu nicht mehr los, also bricht er mit seinem Kreisel zu einem Fußmarsch auf, der ihn aber nur bis an den Stadtrand führt. Die Menschen, denen er auf seiner Erkundungstour begegnet, leben in einer Welt für sich.

Den russischen Kulturfunktionären fehlte das Vertrauen in die anarchische Vorstellungskraft der nächsten Generation, sie sahen nur den subversiven Blick eines Erwachsenen. „Wenn der Mensch der Sonne folgt, dann heißt das, dass er in den Westen geht!“ Sie verboten den Film, damals eines der hoffnungsvollsten Zeugnisse des Tauwetterkinos. Dabei war Kalik alles andere als ein Dissident, eher ein Humanist und Visionär. Fünf Jahre zuvor war der französische Filmemacher Albert Lamorisse in „Der rote Ballon“ einem Jungen durch Paris gefolgt, den Blick sehnsuchtsvoll gen Himmel auf den roten Wegweiser gerichtet. Der Kurzfilm gilt als Bindeglied von poetischem Realismus und Nouvelle Vague, ein erstes Zeichen optimistischer Modernität im europäischen Nachkriegskino.

Vexierspiele mit dem Licht

Etwas Ähnliches versuchte Kalik in seinem Film mit der Sonne, die ebenso ein Eigenleben entwickelt wie Lamorisse’ Luftballon. Licht-Vexierspiele, kaleidoskopartige Überbelichtungen, ungestüme Bewegung angetrieben von kindlicher Neugier. „Der Sonne nach“ war ein visueller Befreiungsschlag nach den düsteren Stalin-Jahren, doch der Staat schien diesem Optimismus nicht über den Weg zu trauen. Man ließ den Film im Giftschrank verschwinden, der Anfang vom Ende einer vielversprechenden Karriere.

Kalik war ein Zeitgenosse von Andrej Tarkowskij und Sergej Paradschanow („Die Farbe des Granatapfels“), doch die antisemitischen Repressalien unter Stalin hatten den Sohn eines Moskauer Theatermachers früh in die berüchtigten sowjetischen Arbeitslager gebracht. Erst nach Stalins Tod konnte er sich in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik dem Filmemachen widmen.

Hier entstanden „Der Sonne nach“, das nostalgische Jugendporträt „Auf Wiedersehen, Jungs“ (1964) über drei Freunde zwischen antifaschistischem Kampf und erster Liebe sowie das Experiment „Liebe“ (1968), ein episodischer Filmessay mit Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Menschen von der Straße, die vor der Kamera ganz unsentimental über Romantik und zwischenmenschliche Beziehungen philosophieren.

Hippie-Zeitgeist am Mittelmeer

Nach „Liebe“ war die Phase der Entspannung aber schon wieder vorüber; der Film wurde ebenfalls einkassiert. Von der Moldauischen SSR verschlug es Kalik Anfang der siebziger Jahre dann nach Israel, wo er Maxim Gorkis Vater-Sohn-Geschichte „Malwa“ als Aussteiger-Drama verfilmte. „Drei und eins“ (1974) verlegt die Handlung ans Mittelmeer, der Hippie-Zeitgeist mit viel nackter Haut macht den Film heute eher zu einem kuriosen Zeitdokument.

Die Heimatlosigkeit von Michail Kalik, der nach 1991 bis zu seinem Tod vor zwei Jahren keinen Film mehr realisiert hat, macht seine ungewöhnliche Biografie zu einem besonders tragischen Fall des europäischen Exilkinos. Die Berliner Retrospektive leistet die verdienstvolle Arbeit, die losen Fäden wieder zusammenzuführen.

bis 30. Januar im Kino Arsenal

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