Das Buch platzt aus allen anekdotischen Nähten

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Milan Kunderas jüngster Roman : Die Nabelprobe
Von Prag nach Paris. Milan Kundera 1981.
Von Prag nach Paris. Milan Kundera 1981.Foto: dpa/picture-alliance

„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ führt sechs männliche Hauptfiguren mittleren Alters ein, die in unterschiedlichen Konstellationen aufeinandertreffen. Alain, dessen Denken und Wähnen um die Frage kreist, was es bedeutet, wenn eine Epoche ihre erotische Aufmerksamkeit von den Brüsten und Schenkeln junger Mädchen hin zu deren nackten Näbeln verlagert. Den erwähnten Ramon, der entschlusslos vor den Toren einer lockenden Chagall- Ausstellung herumstreicht. Einen Cocktailpartys organisierenden Charles. Dann Caliban, einen kellnernden Schauspieler, der sich am liebsten in einer erfundenen Sprache verständigt. Quaquelique, den Schürzenjäger. Und D’Ardelo, der sich eine tödliche Krebserkrankung erfindet und von seiner Lüge geradezu begeistert ist.

Dazu gesellen sich einige noch vager konturierte Frauengestalten, eine Handvoll philosophischer Reflexionen, die von Schopenhauers Idee des Willens bis zu Hegels Begriff des Komischen reichen, und ein Geschehen, das nicht der Rede wert ist. Recht eigentlich hat dieser Roman gar nichts von dem, was Kundera seine Themen nennt. Er ist, aus allen anekdotischen Nähten platzend und motivisch, doch virtuos zusammengehalten, eine einzige Abschweifung, darin aber ein einziges Vergnügen – und das nicht ohne einen Ernst, der noch die größte Ironie durchwirkt.

Oder was ist es, wenn die Geschichte einer jungen Frau erzählt wird, die sich und ihr ungeborenes Kind wild entschlossen zu ertränken versucht, bis ihr ein Mann zu Hilfe springt, den sie nun gewaltsam ertränkt, um einer Absicht treu zu bleiben, der sie nicht mehr folgen kann? Nass und frierend schleppt sie sich ans Ufer, in der Nacktheit eines Lebens, dessen Bedeutungslosigkeit durch die Schuld, das es auf sich geladen hat, überraschend Bedeutung gewonnen hat. Was ist es, wenn Väterchen Stalin, der einen ausgeprägten Sinn für Massaker hatte, nachgesagt wird, seine feinsinnigste Demütigung am prostataschwachen Genossen Kalinin verübt zu haben, indem er ihn aus der Gegenwart seiner Witze und Schnurren nicht entließ, ehe ihm ein Malheur geschehen war. Es ist die Vereinbarkeit des Unvereinbaren, in der sich der alte Begriff des Schicksals mit dem neuen der Kontingenz trifft und in einem Motiv wie der Inkontinenz gebrochen wird.

Milan Kundera zeigt, wozu Romane in der Lage sind, die noch ein gattungsgeschichtliches Bewusstsein mitbringen – das allerdings nicht im Sinne eines Fortschritts, an dem noch jede Kunst gescheitert ist, wie besonders die Musik schmerzhaft erfahren musste, sondern im Namen einer Freiheit, die sich so klug nur die Wenigsten zu nehmen wissen. Fragwürdig wird es da, wo dieses Buch so tut, als stamme es von einem alterslosen Autor, ja, als müsse es sich inmitten der Katastrophen und Auseinandersetzungen des 21. Jahrhunderts in seinen Strategien nicht anders situieren als noch vor 30 Jahren.

Für sich allein betrachtet, würde kaum jemand auf die Idee kommen, dass es sich um ein Spätwerk handelt, besäße es nicht eine gewisse Kurzatmigkeit, die die berühmte siebenteilige Form, auf die Kundera meistens zurückgreift, nur noch unter Mühen erreicht. Auch das erotische Fluidum, das der Text verströmt, wären dem jugendlichen Kundera zuzutrauen, könnte man hinter der sanften Anzüglichkeit des Textes nicht eine äußerst unkeusche Geilheit erkennen: Michel Houellebecqs offensive Obszönität ist da ehrlicher. Schließlich variiert Kundera einige seiner eigenen Lieblingsmotive.

Wenn Stalin seinem Adlatus Schdanow erklärt, dass er seinen ungeheuren Willen den Vorstellungen aller anderen aufgezwungen habe, um Ordnung in das Chaos zu bringen, wird damit das totalitäre Programm benannt, das Kundera zeit seines Lebens multiperspektivisch bekämpfte. Wenn Ramon über die „Dämmerung der Scherze“ trauert, variiert er, was Kundera in seinem Essay „Verratene Vermächtnisse“ beklagt. Und wenn Alains Mutter predigt, dass der Mensch, so wie er als Einzelner in Erscheinung tritt, weder sein Geschlecht noch seine Augenfarbe geschweige denn sein Jahrhundert und seine Heimat wählen könne, ist das ein fast wörtliches Echo dessen, was in der „Kunst des Romans“ steht.

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