Imre Kertész fühlt sich von der "Kunst des Romans" befremdet

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Milan Kunderas jüngster Roman : Die Nabelprobe
In einem Prager Garten. Milan Kundera im Jahr 1973.
In einem Prager Garten. Milan Kundera im Jahr 1973.Foto: AFP

Es ist ein sprechender Zufall, dass Imre Kertész gleich auf der ersten Seite seines gerade erschienenen Tagebuchromans „Letzte Einkehr“ (rororo), in dem er seine gleichnamigen Aufzeichnungen unter Verzicht auf alle Tagesdaten noch einmal zu einem mehr denn je ergreifenden autofiktionalen Geflecht verdichtet, Kunderas Essay angreift. „All die bekannten Gemeinplätze, aber mit französischer Eloquenz“, stöhnt er, und wenn das in Bezug auf die Substanz des Buches auch ungerecht ist, so zeigt sich darin doch eine Haltung, die aus vergleichbaren historischen Erfahrungen entgegengesetzte ästhetische Schlüsse zieht.

Beide Autoren gehören dem Jahrgang 1929 an, beide haben sowjetische Panzer in ihre Länder vorrücken sehen: Kertész beim ungarischen Volksaufstand 1956, Kundera beim Prager Frühling 1968, beide haben das Exil gesucht. Man mag den entscheidenden Unterschied zwischen ihnen darin sehen, dass Kertész’ Werk, auch wo es nicht offen davon spricht, im Zeichen der persönlichen Erfahrung von Auschwitz steht. Doch hat nicht auch in Kunderas Literaturverständnis der Zivilisationsbruch seinen Platz?

Hier also der nach außen hin verspielte Bruder Leichtfuß, dort der jüdische Moralist ohne Gott; hier der sich als Person nach Kräften aussparende, dort der sich mit Haut und Haar investierende Autor; hier ein aparter Ton, dort kristalline Härte. Es gibt keinen zwingenden Grund, sich auf die eine oder die andere Seite zu schlagen. Die Entwicklungsgeschichte des europäischen Romans verläuft nicht linear. Ihr Wohl und Wehe lässt sich, worauf Kertész auch in „Letzte Einkehr“ noch einmal insistiert, schon an gar keine bestimmte Ästhetik knüpfen.

Es wird sich aber zeigen, welches Schreiben überhaupt noch imstande ist, dem Grundrauschen anschwellender Textströme Paroli zu bieten, welche Ironiesümpfe es trockenzulegen und welche es zu nähren gilt, kurz: was Literatur auf Dauer dazu befähigt, sich als Sprache des Widerstands zu bewähren.

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit. Roman. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Hanser Verlag, München 2015. 140 Seiten, 16,90 €.

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