"Milchzähne" von Helene Bukowski : Das Weite suchen

Bildstark und voller surrealer Momente: Helene Bukowskis kunstfertige Romandystopie „Milchzähne“.

Jérôme Jaminet
Auf die Atmosphäre kommt es ihr an. Die 1993 in Berlin geborene Schriftstellerin Helene Bukowski. Foto: Rabea Edel/Aufbau Verlag
Auf die Atmosphäre kommt es ihr an. Die 1993 in Berlin geborene Schriftstellerin Helene Bukowski. Foto: Rabea Edel/Aufbau VerlagFoto: Rabea Edel/Aufbau Verlag

Manchmal hockt Edith tagelang im Kleiderschrank und starrt die Wand an. Bilder vom Meer hängen dort, Erinnerungen an ihre Herkunft. Der Schrank ist ein Refugium in einem Refugium in einem Refugium. Denn Edith wohnt zurückgezogen mit ihrer Tochter Skalde in einem heruntergekommenen Haus am Rande einer Gemeinschaft, die sich vor Jahren infolge einer Klimakatastrophe von der Außenwelt abgekapselt hat.

Das Meer im Kleiderschrank. Näher können sich Weite und Enge nicht kommen. „Milchzähne“, das Debüt der 1993 in Berlin geborenen Autorin Helene Bukowski, ist voller Spannungen. Zwischen Fernweh und Heimatgefühl, Mutter und Tochter, Insidern und Outsidern, der Gruppe und dem Fremden. Für Skalde gilt: Die Grenzen ihres Grundstücks sind die Grenzen ihrer Welt. Was es jenseits der Brombeerhecke gibt, erfährt sie zunächst nur aus Büchern, die überall in der zugemüllten Wohnung herumliegen. Als sie dann ihren ersten Milchzahn verliert, bricht sie zum ersten Mal aus, erkundet die Landschaft.

Helene Bukowski malt surreale Stimmungsbilder

Helene Bukowski lädt ihre Romanwelt mit bildstarker Symbolik auf. Wie man das macht, hat sie in Hildesheim gelernt. Die Autorin studiert dort Kreatives Schreiben. Mit dem abwertenden Label „Institutsprosa“ verbindet das Literatur-Feuilleton gerne Texte ohne Welt, Erfahrung und Esprit. Auf manche Schreibschulerzeugnisse mag das zutreffen, im Falle von „Milchzähne“ stimmt es nicht. Das ist keine Literatur-Literatur. Denn Bukowski verfügt über ein scharfes Sensorium, mit dem sie politisch virulente Themen glasklar erfasst, und sie versteht es sehr gut, daraus eine verstörende dystopische Parabel zu entwickeln. Eine Parabel auf die beiden parallel verlaufenden Klimawandel unserer Zeit, den meteorologischen und den sozialen.

Etwas Furchtbares kommt auf die Bewohner des unbenannten Ortes zu: eine Rothaarige. Bei einer ihrer Exkursionen trifft Skalde auf Meisje, ein fremdes Kind. Die abergläubische Gemeinschaft würde das Mädchen mit den Hexenhaaren am liebsten gleich aufknüpfen. Bald schon nähert sich eine kleine Menschengruppe dem Haus, in dem Skalde die Kleine versteckt hält. Sie sei in der Gemeinschaft nicht erwünscht, gehöre nicht zum Ort. „Allein schon die Haare.“ Als zwei Bewohnerinnen verschwinden, verdächtigt die Gemeinde das Kind. Die Lage spitzt sich zu. „Milchzähne“ spielt in einer unwirtlichen, menschenfeindlichen Gegend, in der sich allerlei bizarre Dinge ereignen: Möwen mit versengten Federn fallen wie in Lars von Triers „Melancholia“ vom Himmel, Doggen werden mit Rinde gefüttert, aus Kaninchenfellen werden schussfeste Mäntel genäht.

Dystopische Literatur ist die engagierte Literatur der Gegenwart.

Helene Bukowski malt surreale Stimmungsbilder in dunklen Gouachefarben. Sie schreibe assoziativ, sagte sie einmal, auf die Bilder und Atmosphäre komme es ihr an. Und tatsächlich: Mit sprachökonomischer Effizienz gelingt es der Autorin, ihr Enge-Angst-Thema in eine immer beklemmendere Atmosphäre zu übersetzen, die sich einem wie eine Schlinge um den Hals legt und langsam die Luft abschnürt.

Aber so sinnlich ihr Erzählen auch ist, Bukowski liebt die Kopfarbeit. Sie gibt zu denken, beschäftigt ihre Leser als Mitarbeiter. In der Art, wie die Autorin die semantische Unterdeterminiertheit ihres Textes formal ausarbeitet, liegt die literarische Qualität des Romans. Höchst kunstfertig leuchtet sie peu à peu die Hintergründe der Handlung an. Vieles bleibt dabei im Halbdunkel stehen, bleibt bis zuletzt rätselhaft, skurril, befremdlich.

Klar wird: Wer zu der verschworenen Ortsgemeinschaft zählt und wer nicht, das entscheidet sich an den Milchzähnen. Wer sie verliert, darf bleiben, wer sie behält, muss gehen. Oder wird, wie Edith, allenfalls geduldet. Klar wird auch: Ein kultureller Protektionismus, der sich an artifiziellen Kriterien aufhängt und der die regenerative Kraft des Austauschs mit dem Fremden verkennt, führt zwangsläufig zur seelischen und moralischen Verkümmerung der Gemeinschaftsmitglieder. Sinnbildlich hierfür steht die Desertifikation der Landschaft. Mit jeder Seite wird es heißer.

Dystopische Literatur ist die engagierte Literatur der Gegenwart. Meist sind es tiefschwarze, pessimistische Zukunftsromane, die das Armageddon ausmalen, von selbstverschuldetem Verderben und Untergang handeln. Ihre Verfasser wollen aber in der Regel nicht, dass wir resignieren, sondern uns wachrütteln. Wir sollen fundamental umdenken, echte Lösungen finden. Auch in Bukowskis Roman gibt es noch Hoffnung. Sie blitzt in vereinzelten Gesten der Solidarität auf. Und sie ruht – Greta Thunberg lässt grüßen – auf den Schultern einer alarmierten Jugend.

Helene Bukowski: Milchzähne. Roman. Blumenbar Verlag,Berlin 2019.256 Seiten, 20 €.

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