Mirella Freni ist tot : Ihre Mimi war immer eine Sensation

Sie galt Opernsängerinnen als großes Vorbild und als der leuchtende Stern Karajans. Nun ist die Italienerin Mirella Freni mit 84 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Georg-Albrecht Eckle
Großer Star mit großem Herz. Mirella Freni in Cannes.
Großer Star mit großem Herz. Mirella Freni in Cannes.Foto: Lionel Cironneau/dpa

In ihr kamen alle Mädchengestalten der Operngeschichte ideal zusammen im Blick auf Stimme und Gestalt. Mirella Freni war ein Modell für rollendeckende Interpretationen unter den wichtigsten Maestri: Karajan, Solti, Muti, Abbado, Ozawa - um nur einige zu nennen. Der Nachrichtenagentur Ansa zufolge starb Freni nun nach längerer Krankheit zu Hause - wenige Wochen vor ihrem 85. Geburtstag am 27. Februar.

Ihre Mimi war immer eine Sensation, und unter Karajan wurde die Scala-Produktion zur Legende. In Richtung Freni stellt man sich die kleine Näherin mit dem großen Herzen ja auch vor ... aber sobald sie diese Zone verließ und Stimme wie Person den Heroinen lieh, wurde sie Opfer des merkantilen Opernbetriebs.

Und der Zauber ihrer natürlichen Stimme kippte in Überforderungen um, denen sie sich entweder brillant stellte, als Desdemona etwa, oder bei denen ihr die Rolle entglitt, auch musikalisch wie im Falle der ‚Traviata‘ oder der Elisabeth im ‚Don Carlo‘ Verdis. Aber sie war von Karajans Gunst getragen und überzeugte immer wieder phasenweise in wunderbaren lyrischen Details, und das reichte dem großen Publikum.

Das kleine Wunder, das die Freni eigentlich war, bekam die Menge gar nicht so recht mit. Denn ihre lyrische Qualität, die naive Farbe ihrer Stimme, die köstliche Sinnlichkeit, die sie ausstrahlen konnte in voller Deckung von Stimmklang und Person, das muss man suchen. Das Operngeschäft hat sie von sich weggebracht, und so gelang zwar Lisa in Tschaikowskys ‚Pique Dame‘ unter Ozawa überzeugend, die Tatjana im ‚Onegin‘ schon nicht mehr. Da war zu viel Drama im Mädchen, und die Freni war keine Tragödin.

Herrliche Erlebnisse aber konnte man mit ihr in Glyndebourne haben am Anfang ihrer Karriere: sie war das Ideal einer Zerline, da stimmte alles, und sie war es, die eine ganze Aufführung heimlich dominieren konnte, denn jeder wartete nur auf ihre Momente (ein Abglanz davon bietet die spannende Klemperer-Aufnahme).

Karajan war ihr großes Karriereglück

Genauso ihre Nannetta im ‚Falstaff‘. Und ihre Susanna im ‚Figaro‘ - davon konnte man träumen, kanns noch heute; denn immer bleibt an diesen Rollen in unserem Bewusstsein ein Stücklein Freni, im Gegensatz zu Tosca und Butterfly, die waren mit ihr nur schwer nachvollziehbar.

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Außer Zweifel steht das schlichte Können dieser für die Interpretationsgeschichte der Oper so symptomatischen Künstlerin. Sie war der Stern Karajans, und er wollte alles aus ihr machen - das war ihr großes Karriere-Glück. Für ihr musikalisches Selbstsein, ihre ideale künstlerische Form war es mehr Bedrohung, vielmehr ein Seiltanz, Kampf und Kraftakt. Wer Ohren hatte zu hören, konnte durch alle mehr oder minder tauglichen Experimente hindurch die wahre Freni durchhören, und die war von seltenem Zauber.

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