• Mit Joyce DiDonato als Gast: Ab 17 Uhr im Livestream: Das Silvesterkonzert der Philharmoniker

Mit Joyce DiDonato als Gast : Ab 17 Uhr im Livestream: Das Silvesterkonzert der Philharmoniker

Zum letzten Mal leitet Simon Rattle das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker. Als Gast brilliert Mezzosopranistin Joyce DiDonato. Ab 17 Uhr ist die Veranstaltung im Livestream zu sehen.

Möchte man auf jede Party einladen. Dirigent Simon Rattle und Mezzosopranistin Joyce DiDonato.
Möchte man auf jede Party einladen. Dirigent Simon Rattle und Mezzosopranistin Joyce DiDonato.Foto: Monika Ritterhaus

Ein Silvesterkonzert hätte man gerne so, wie man sich den gesamten Jahreswechsel erträumt: Gelöst die Stimmung, getragen von einer Herzlichkeit, die auch Anflüge von Melancholie willkommen heißt. Anregend die Gespräche, die auch gerne reflektieren dürfen, was vom ablaufenden Jahr wohl bleiben wird. Wenn dazu noch geistreiche Gäste vorbeischauen, umso schöner!

Doch dieses Verlangen nach heiterer Tiefe ist schwer erfüllbar, es droht die Überforderung auf den letzten Metern des Jahres. Sogar die Berliner Philharmoniker, die sich als Meister des klassischen Rundumglücklichmachens begreifen, müssen um eine Erfolgsformel für ihr Silvesterkonzert stets neu ringen. Da es sich zugleich um das letzte unter der Leitung von Simon Rattle handelt, stellt sich dazu noch die Frage nach einem Rückblick in eigener Sache.

Ein Furioso-Auftakt voller Lebensgetümmel

15 von 16 möglichen Silvesterkonzerten hat der scheidende Chef dirigiert, bei seinem Berliner Finale betont er, was ihm persönlich am Herzen liegt. Das ist auch immer wieder die Musik von Antonin Dvorak mit ihrem die Wehmut umspielenden Furor. Zu Beginn legt Rattle seinen Musikern mit der Konzertouvertüre Karneval op. 92 ein Werk auf die Pulte, das die Philharmoniker nur ein einziges Mal gespielt haben, 1936. Ein Furioso-Auftakt voller Lebensgetümmel, in dem sich der Klang noch nicht wirklich zwingend fassen lässt. Der Kehraus wirkt dann ganz anders nach. Aber nicht allzu lang, denn er wird sofort gekontert von der zart-mürben Magie der philharmonischen Streicher im Pas de deux von Apollon und Terpsichore aus Strawinskys Ballett „Apollon musagète“.

Es ist, als hätten die Musiker damit weiße Blütenblätter ausgestreut für ihren Stargast, die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato, ein Bühnentemperament, das man auf jede Party einladen möchte, eine Diva mit Bodenhaftung, die alles Drama und den Witz des Lebens durchschaut. In der Philharmonie singt sie fünf Lieder von Richard Strauss, weitab vom barocken Repertoire, das sie beherrscht wie kaum eine Zweite. DiDonato geht sehr behutsam vor, formt Silben und Laute mit Bedacht, nähert sich vorsichtig dem emotionalen Gehalt der Musik. Nach jedem Lied kann man von Rattles Lippen ein zu seiner Solistin geflüstertes „beautiful“ ablesen, in dem auch Ermunterung mitschwingt für eine Künstlerin, die sich hier hörbar außerhalb ihres persönlichen Kraftzentrums bewegt.

Große Rattle-Kunst

Joyce DiDonato tritt noch einmal kurz in der zweiten Konzerthälfte auf, wenn sie einen Song aus Leonard Bernsteins Musical „Pennsylvania Avenue 1600“ singt. Das ist die Adresse des Weißen Hauses, an die dort Residierenden enthält das Stück die Mahnung: „Take care of this house, it's the hope of us all.“ Das ist wirkungsstark auch ohne unterlegte Kommentare, wie es sie bei Christian Thielemanns Silvesterkonzert aus Dresden geben wird zu Durchhalteschlagern aus Ufa-Filmen (zu sehen um 17.30 Uhr im ZDF). Doch für DiDonato ist auch mit der schlichten „White House Cantata“ nicht mehr als ein Achtungserfolg zu holen, den Zugaben bleibt sie fern.

Nach drei schmissigen Tänzen aus Bernsteins „On the Town“ wechseln die Philharmoniker zu Schostakowitschs Orchestersuite „Das goldene Zeitalter“, einem Ballettextrakt auf ein aberwitziges Libretto, das von einem sowjetischen Fußballteam handelt, welches allen Versuchungen des Westens zu widerstehen vermag: ein Kulturkampf mittels lustvoll manipulierter Polka, falschem Foxtrott oder Talmi-Tango. Das dampft und zischt ordentlich, könnte aber neben zupackendem Sportsgeist noch etwas mehr Raffinement vertragen.

Vielleicht hat Rattle das Klangglück auch mit Bedacht in die Zugaben verlegt: In guter „Simon-Tradition“ taucht dort noch einmal Dvorak auf. Was dann in einem „Slawischen Tanz“ an Musik gewordener Menschenkenntnis aufblüht, ist große Rattle-Kunst. Auch die Nonchalance, mit der der Philharmoniker-Chef Brahms zur „Guten-Rutsch-Musik“ erklärt, wird uns fehlen.

Noch einmal heute, Silvester, ausverkauft. Übertragung live ab 17 Uhr in zahlreichen Kinos, ab 17.25 Uhr im rbb-Kulturradio. Arte strahlt die Aufzeichnung zeitversetzt ab 18.40 Uhr aus.

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