„Modern Dread“ von Denai Moore : Liebe, Furcht und Eiscreme

Die britische Musikerin Denai Moore lebt für die Sinnesfreuden. Ihr neues Album „Modern Dread“ wird jedoch von Dämonen bevölkert.

Raus aus dem Labyrinth. Von London ist Denai Moore, 27, in die Küstenstadt Margate gezogen.
Raus aus dem Labyrinth. Von London ist Denai Moore, 27, in die Küstenstadt Margate gezogen.Foto: Nadira Amrani

Denai Moore hat zwei Leidenschaften: das Musikmachen und das Kochen. Beides hat ihrer Meinung nach viel gemein: „Beim Kochen arbeitet man die Gerichte aus“, sagt die Britin, „man bereitet sie zu, teilt sie mit anderen, die sie wiederum nachkochen.“ Mit der Musik kann das ganz ähnlich laufen, wie Moore es selbst als Kind erlebt hat.

Als sie Stunden damit zubrachte, ihre Lieblingssongs nachzuspielen, und nach und nach merkte: Ah, diese Akkorde kann ich spielen. Und so funktioniert das mit der Pop-Musik.

Gerade ist Denai Moores drittes Album „Modern Dread“ (Because Music/Caroline) erschienen. Es klingt kraftvoll und entschieden, angefüllt mit frischem Selbstbewusstsein. Eins jedoch lässt sich auf der Platte nicht ausmachen: die jamaikanischen Wurzeln der Sängerin. Bei den Speisen, die sie zubereitet, ist das anders.

Beim Kochen besinnt sich die 27-Jährige auf ihre Kindheit in der Karibik. „Ich koche Gerichte, die ich als Kind gegessen habe, aber in einem modernen Kontext“, erklärt Moore am Telefon. Den Job als Köchin hat sie in ihrem aktuellen Zuhause, der englischen Küstenstadt Margate, in einem eigenen Dinner-Club und in mehreren Pop-up-Restaurants ausgelebt. Nichts von Dauer, doch das soll sich bald ändern.

„Ich finde es therapeutisch zu kochen, selbst wenn ich es für andere mache“, sagt die Veganerin. Eine ihrer bisherigen Lieblingskreationen: ein Eiscreme-Sandwich mit Rosinen und einem Schuss Rum.

Die jamaikanische Heimat hat die Familie kurz vor Moores zehntem Geburtstag hinter sich gelassen. Da ging es nach London – ein Kulturschock. Anderes Essen, andere Klänge. Wenn man die Sängerin heute nach ihren musikalischen Idolen fragt, sprudeln Namen aus ihr heraus, die nicht viel mit der Karibik zu tun haben: Feist, Bon Iver, Kanye West, US-Elektro- Frickler Steve Hauschildt. Man spürt ihren Enthusiasmus.

Zwischen diesen musikalischen Koordinaten lässt sich der Sound von „Modern Dread“ ziemlich gut verorten. Die verschiedenartigen Einflüsse fließen auf der Platte zu einem griffigen Amalgam zusammen. Das beginnt beim Opener „Too Close“. Eine E-Orgel und Moores Stimme tasten sich in den Song hinein, bis ein Synthiebrummen, Backgroundgesänge und eine helle Trompete das Nahen des Beats ankündigen.

Der ist schön vertrackt. Es zischelt, fiept und pluckert um Moores Stimme herum, die nicht unbedingt die kraftvollste ist. Doch gerade in ihrer Durchlässigkeit vermittelt sie eine Anteilnahme, die den besungenen Emotionen Wahrhaftigkeit verleiht.

„There’s parts of me that need you, parts of me that feel more alone when I see you“, klagt sie. Es geht um eine Liebe, die schiefgelaufen ist. Eine, die den Rausch längst hinter sich gelassen und sich in Abhängigkeit verwandelt hat: „I’m too close, too close to let it go.“

Zuweilen droht sich die Stimme der Sängerin im vollgepackten Echoraum zu verlieren, doch Moore und Produzent Alex Robertshaw, sonst Gitarrist der Band Everything Everything, kriegen immer wieder die Kurve. Dank ihm finden das Analoge und das Elektronische auf „Modern Dread“ zueinander, verwoben mit gerade genug Klangspielerei.

Die volle Dosis Pop

Die Platte strahlt mehr Druck und Dringlichkeit aus als Moores bisherige, deutlicher vom Folk geprägte Alben „Elsewhere“ (2015) und „We Used to Bloom“ (2017). Wenn man sie nach ihrer Herangehensweise an ihr drittes Album fragt, lässt sie eine kurze Denkpause und antwortet dann mit verschnupftem Londoner Akzent: Sie habe die Songs einfach geschrieben. Erst im Studio seien sie schneller geworden und hätten den elektronischen Einschlag angenommen. „Es ist einfach passiert.“

Das funktioniert besonders gut, wenn ein Stück die volle Dosis Pop mitbringt wie „Cascades“. Ohne großes Intro wummert der Song los, eine wunderbar lässige R’n’B-Nummer mit einem Refrain, der das Zeug hat, einen über Tage zu verfolgen. Der Beat groovt sich durch runtergepitchtes Stimmengewimmel, dann ein Break und Moores Stimme allein mit verzerrtem Background-Echo: „When it cascades, when things get in the way.“ Als sie den Song schrieb, habe sie sich blockiert gefühlt, sagt die Sängerin. „Cascades“ ist ein Breakdown-Song, das schon. Aber einer, zu dem man tanzen möchte.

Denai Moore selbst kann es kaum erwarten, die Songs von „Modern Dread“ auf der Bühne zu spielen. Denselben Drang empfand sie auch als Teenager. Nach der Schule ist sie beinahe jeden Abend unterwegs gewesen, um in den Bars von London aufzutreten. Kurze Zeit hat sie es auch mit einem Musikstudium probiert, doch da hatte sie das Gefühl, dass ihre Kreativität erstickt wird. „Es gibt nicht nur einen richtigen Weg, Musik zu machen“, sagt sie. Auf halber Strecke stieg sie wieder aus.

Manifest der Überforderung

Für Denai Moore ist das Musikmachen ebenso Selbstbespiegelung wie Reflexion dessen, was um sie herum passiert. So lässt sich auf „Modern Dread“ – auf Deutsch: moderne Furcht – eine politische Ebene ausmachen, wenngleich sie vage bleibt. Im Song „To the Brink“ formuliert Moore ein Manifest der Überforderung: Vor lauter Reizüberflutung wünsche sie nichts sehnlicher, als ihr Smartphone zu entsorgen. „Can’t pull the plug“, singt sie, „We’re filled to the brink.“

Auch das Video zu dem Stück verbindet das Politische mit dem Privaten. Regisseurin Nadira Amrani lässt Nachrichtenschnipsel über den Bildschirm flimmern: Erderwärmung, Brexit, Umweltverschmutzung. Dann irrt Denai Moore – sie trägt einen weißen Overall und lange schwarze Dreadlocks – durch klaustrophobisch anmutende Gänge. Doch hinter den Mauern lockt das Meer, eine Steilküste. Es ist der Strand ihrer neuen Heimat Margate. Während sie an dem Album arbeitete, vollzog Moore den Ausbruch: weg aus London hinaus ans Meer. Ihre Freundin, Regisseurin Amrani, nahm sie mit.

Der Beziehung ist es auch zu verdanken, dass nicht alle Songs des Albums von inneren und äußeren Dämonen bevölkert sind. „Honour“ zum Beispiel, in dessen Zentrum sich ein bockiges Jazz- Klavier aufbäumt, während drum herum die Beats tänzeln, Streicher wallen und sich die Bläserflächen in The-National- Manier breitmachen, ist das erste lupenreine Liebeslied, das Denai Moore je geschrieben hat. Bisher habe sie das nicht gekonnt, sagt sie, doch nun sei es unausweichlich: „Wenn man verliebt ist, schreibt man Liebeslieder.“ Darauf ein Eiscreme-Sandwich.

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