„Mondbeben“ von Ludwig Fels : Die Sehnsucht nach dem gelingenden Leben

Ludwig Fels erzählt in seinem Roman „Mondbeben“ von der Flucht vor sich selbst. Ein eindringlicher Liebes- und Abenteuerroman.

Nicole Henneberg
Meister des expressiven Erzählens. Ludwig Fels.
Meister des expressiven Erzählens. Ludwig Fels.Foto: © Aleksandra Pawloff

Einmal im Leben muss man seinen Traum gelebt haben, davon ist Olav überzeugt. Er und seine Frau Helen sind die Hauptfiguren des neuen Romans von Ludwig Fels, einem Meister des expressiven Erzählens.

„Mondbeben“ handelt von einer Flucht, wie sie schwieriger nicht sein könnte: der Flucht vor sich selbst. Schon „Hottentottenwerft“, der 2015 veröffentlichte Roman des 1946 geborenen Mittelfranken, der seit Jahren in Wien lebt, erzählte von einer Flucht aus Armut und bedrückenden Verhältnissen. Dieses Mal aber geht es um noch mehr.

Helen und Olav, die im Gefängnis geheiratet haben, wo Olav eine zweijährige Haftstrafe verbüßte, gehören zu den Traurigen und Glücklosen. Er arbeitet als Schuldeneintreiber, muss Menschen von Berufs wegen Angst machen.

Das deprimiert ihn so, dass er nur mit viel Alkohol zur Ruhe kommt. Er hat Helen vor ihrem gewalttätigen Ehemann gerettet, dabei aber zu fest zugeschlagen, befindet der Richter. Olav pflichtet ihm insgeheim bei. Doch plötzlich neigt sich ihnen das Glück zu: Helen erbt, und beiden scheint die Welt offenzustehen.

Ungläubig staunen sie ob dieser Gnade eines alles umstürzenden Gefühls. „Manchmal hatte er versucht ihr zu sagen, dass das, was zwischen ihnen war, also alles rund um die Liebe, einer schönen wilden Blume glich, mit Dornen und giftigem Tau und fleischfressend, aber schön, wie gesagt, schön und wild.“

Schmerzhaft schöne Landschaften

Olav ist ein idealistischer Rebell, trotzig und impulsiv. Er lehnt sich gegen die Ungerechtigkeiten der Welt auf. „Um ein Mensch bleiben zu können, beginge er jedes Verbrechen“, ist Helen überzeugt. Genau darum liebt sie ihn. Sie sehnen sich nach Sonne, Palmen und Meer, ihrem kitschigen Traum, wie Olav lachend sagt. Sie folgen ihm bis nach Westafrika, in ein Ressort mit Luxusvillen. Schmerzhaft schön ist die Landschaft, doch sie können die Zeichen des dortigen Lebens nicht lesen. Man betrügt sie, Helen wird schwer verletzt. An einen der grausamsten Orte dieser Welt sind sie geraten, und Ludwig Fels nimmt uns in seinen eigenwilligen Bildern mit auf diese nur aus der Ferne idyllisch wirkende Insel.

Fels’ lakonische Schilderungen der Straßenkinder, der Huren und der verlogenen, hauchdünnen Schicht des touristischen Luxus gehen bis an die Schmerzgrenze. Olav und Helen finden in dem pakistanischen Arzt Dr. Chalie einen machtlosen Beschützer. Dieser ist ein liebevoller Zyniker, dem nichts mehr passieren kann, weil er bereits alles verloren hat. Zwangsläufig arbeitet er mit der Junta zusammen und behandelt deren Folteropfer, Fragen darf er keine stellen.

[Ludwig Fels: Mondbeben Roman. Verlag Jung & Jung, Salzburg 2020. 313 Seiten, 24 €. ]

Beklemmend realistisch wirken diese Schilderungen im Roman. In dieser eindringlichen Liebes- und Abenteuergeschichte geht es um die Sehnsucht nach einem gelingenden Leben, um einen Platz in der Welt, um Angst vor der Einsamkeit und den Versuch, der eigenen Sprachlosigkeit zu entkommen. „Reise zum Mittelpunkt des Herzens“ hieß ein früherer Roman von Ludwig Fels.

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Genau das ist der Ort, den seine beiden Figuren in Afrika suchen. Erst ganz zum Schluss gestehen sie sich ein, dass ihre Flucht gescheitert ist – und eben darum gelungen.

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