Mondlandung als TV-Ereignis : „In meinen Augen hat Neil Armstrong Winnetou erledigt“

560 Millionen Menschen verfolgten vor 50 Jahren die Übertragung der Mondlandung. War es das, was sie sich erträumt hatten? Sechs Erinnerungen.

Jacalyn Carley Peter von Becker
Beschäftigte der Firma Haas + Sohn in Sinn verfolgen die Sonderberichterstattung über den Raumflug von Apollo 11 und die Mondlandung.
Beschäftigte der Firma Haas + Sohn in Sinn verfolgen die Sonderberichterstattung über den Raumflug von Apollo 11 und die...Foto: Roland Witschel/dpa

Wen juckt das schon

Es klingelte. Das war schon seltsam. Niemand hat jemals in dem großen alten Haus in New Jersey, wo wir damals lebten, die vordere Tür benutzt. Major Curt Carley in Uniform, unangekündigt, stellt sich vor und tritt mit zwei Dutzend langstieligen roten Rosen und einem Seesack herein. Er ist schneidig und unglaublich attraktiv.

Der unerwartete Gast trank Limonade und plauderte über seinen Job als Air-Force-Testpilot – wie es ist, die Schallmauer zu durchbrechen. Plötzlich senkte er eine Stimme, eine Vision hatte ihn kürzlich ereilt. Jesus war ihm auf der Tragfläche seines Flugzeugs erschienen, eine ruhige und gebieterische Präsenz bei 1235 Kilometer in der Stunde.

Curt hatte verstanden: Er sollte sein Leben ändern. Wollte er vielleicht, dass wir ihn nach seiner Vergangenheit fragen? Ich war 16, fasziniert. Was war noch mal, fragte ich mich, der Grund dafür, dass man sich nicht in einen Cousin verlieben sollte? So dachte ich über die Zukunft nach.

Curt war auf der Durchreise. Mama machte an diesem Tag Wäsche und warf seine schmutzigen Sachen in die Maschine, damit er duschen und zum Abendessen seine Freizeitkleidung anziehen konnte. Blonder, muskulöser, blauäugiger Mann in Khaki und hellblauem Sporthemd. Wer braucht eine Mondlandung, wenn du von einem Stern getroffen wirst?

Es war der Abend. Die Familie versammelte sich auf niedrigen, unbequemen gelben Plastikstühlen vor dem Fernseher auf der Veranda. Neil Armstrong tauchte mit der seltsam gewellten Flagge in der Hand auf. Stand im Mondstaub. Curt konnte nicht stillsitzen. Vielleicht war es der Stuhl. Aber dann waren seine Hände überall auf seinem Körper, unter seinem Hemd. Er machte seltsame Geräusche. Schwer zu ignorieren. Als Armstrong sagte: „Riesiger Sprung für die Menschheit“, sprang Curt auf und drehte sich wie ein Seil, als wollte er eine Tarantella-Tänzerin nachahmen.

„Was hat er gesagt?“ Curt versuchte das Thema zu wechseln. Neil Armstrong pflanzt eine amerikanische Flagge auf den Mond, und wir haben es verpasst. Stattdessen haben wir gesehen, wie Major Carley beide Hände in seine Boxershorts steckt und wütend darin herumfummelt. Mama hatte verstanden. „Oh Curt, oh nein! Ich habe deine Unterwäsche mit den Vorhängen aus dem Schlafzimmer gewaschen.“ Schlafzimmervorhänge: orange, Fiberglas.

Die Bilder der Mondlandung (Neil Armstrong in einem Raumanzug aus Glasfaserfäden, nebenbei) wurden die nächsten 48 Stunden ununterbrochen im Fernsehen wiederholt. Curt duschte und kratzte sich noch zwei Tage lang, die mikroskopisch kleinen Glasscherben saßen tief in Haut und Unterwäsche. Die Aura war verschwunden. Jacalyn Carley

Zelle mit Ausblick

Die großen Ferien verbrachten wir als Kinder in einer abgeschiedenen Abenteuerwelt, hoch in den Tiroler Alpen, in einem einsam gelegenen Kloster. Erst wenige Jahre zuvor waren dort elektrische Leitungen gelegt worden für Pensionsgäste aus der Stadt. Auch fließendes Wasser war noch neu. An Fernsehen war natürlich nicht zu denken. Eines Tages im Juli 1969 machte eine unerhörte Nachricht die Runde.

Alle Stammgäste waren zum Pater Prior geladen, der ganz oben unter dem Dach lebte. Dessen Zimmer war bis dahin absolut tabu gewesen. Plötzlich stellte sich heraus, dass es doch einen Fernseher gab im Haus. Die Erwachsenen nahmen auf Stühlen Platz, wir Kinder hockten uns auf den Boden der kleinen Zelle. All diese Außerordentlichkeiten hätten schon gereicht für einen sehr besonderen Tag – und reichten doch nicht heran an das, was wir zu sehen bekamen. Danach betrachteten wir den Mond mit anderen Augen, wenn er hell und nicht mehr ganz so fern am Himmel über den Gipfeln erschien. Wie ein Vertrauter, der uns zuzuzwinkern schien.

Viele Jahre später sah ich die Ausstellung mit den Gefährten von damals in Cape Canaveral, die dünnen Folien, die spiddrigen Gestelle. Ich legte meinen Finger auf den Mondstein, der ganz glatt geworden war von den vielen Berührungen. Und plötzlich tauchte wie aus dem Nichts diese Frage auf in meinem Kopf: Ob das wirklich alles echt war? Die Fähigkeit, zu glauben, hilft nicht nur in Klöstern weiter. Elisabeth Binder

Peterchens Mondfahrt

Manchmal sind die Vorstellungen im eigenen Kopf vorab schon so fabelhaft, dass die Realität es schwer hat, sie überhaupt einzuholen. Jeder, der tausend Filmbilder und Fotos von Manhattan mit sich trägt, bevor er zum ersten Mal leibhaftig in New York landet, kennt diese Gefahr der sanften Enttäuschung. Alles Außerordentliche erscheint plötzlich wie längst bekannt und ein bisschen normaler, weniger grandios oder glamourös.

So konnte es einem auch bei den nächtlichen Fernsehbildern der Mondlandung vor 50 Jahren gehen. Ich habe sie in einer Münchner Studenten-WG geschaut, und das Spektakel erschien nicht auf Anhieb so elektrisierend wie einige Jahre später die nächtlichen Kämpfe von Muhammad Ali. Aber im Laufe der Übertragung begann doch ein Gefühl des Außerordentlichen, anders als bei allen anderen schon damals üblichen TV-Übertragungen: Man sah tatsächlich fern. So fern und weit wie nie zuvor. Das lag an der schlierigen grauen Unschärfe der Mondkamerabilder, die mit dem erstaunlich klaren, fast nahen Ton der Astronauten kontrastierten und zumindest eine Ahnung des eigentlich Ungeheuren, Unvorstellbaren gaben. Technisch vollkommenere Aufnahmen hätten wohl keine Chance gehabt gegenüber den Vorbildern aller Science-Fiction-Filme. Sie wären bei mir auch chancenlos gewesen neben den fantastischen alten Farbillustrationen von Hans Baluschek: für „Peterchens Mondfahrt“. Den Märchenklassiker hat der heute vergessene Autor und Schauspieler Gerdt von Bassewitz 1912/1915 ersonnen, der sich nur ein paar Jahre später, direkt nach einer Lesung aus seinem Welterfolgsbuch in der Berliner Villa Siemens, umgebracht hat.

Ich hatte als Kind die wunderbare Erstausgabe aus der Verlagsanstalt Hermann Klemm in Berlin-Grunewald geerbt. Darin war die Mondkanone, mit der Peterchen samt seiner Schwester auf die Raumreise geht, um dem Maikäfer Sumsemann sein auf den Planeten entführtes sechstes Maikäferbeinchen zurückzuerobern, als Inbild allemal eindrucksvoller als die Saturn-V-Rakete der Amis. Trotzdem ist es beruhigend, dass die Astronauten Armstrong und Aldrin nicht dem fürchterlichen Mann im Mond begegnet sind. Der bleibt bis heute: eine unsterbliche Kinderfantasie. Peter von Becker

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