„Um das Thema Kolonialismus haben wir uns lange nur wenig gekümmert“

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Monika Grütters im Interview : Kulturstaatsministerin: „Wir sind Chefsache“
Frohen Mutes. Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei einer Führung über die Baustelle des Berliner Schlosses.
Frohen Mutes. Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei einer Führung über die Baustelle des Berliner Schlosses.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Das ist jetzt aber auch Wahlkampf, wie Sie die SPD-Kulturpolitik in Berlin kritisieren. Neil MacGregors Ankunft wurde in der Tat gefeiert. Jetzt befindet sich das Humboldt Forum als Ganzes in einer kritischen Phase. Die Euphorie ist verflogen. Die Probleme häufen sich.

Neil MacGregor, aber auch ich haben ein Haus vorgefunden, das äußerlich weiter gediehen war als die inhaltliche Konzeption. Wir mussten einiges aufholen. Es war MacGregors Bedingung, dass er part-time in Berlin arbeitet und mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gemeinsam agiert. Er wollte kein Intendant sein, der den anderen einfach vorgesetzt wird. Daher die Dreierlösung mit Hermann Parzinger von der Preußenstiftung und Horst Bredekamp, der die Humboldt-Universität vertritt. Das funktioniert auch sehr gut. MacGregor hat gerade seinen Vertrag bis zur Eröffnung des Humboldt Forums 2019 verlängert.

War seine Berufung richtig?

Ja, absolut. Es ist gut, dass wir eine Autorität von außerhalb dafür gewinnen konnten, zumal einen Mann mit dieser weltläufigen Erfahrung und Kompetenz. Das schärft übrigens auch unseren eigenen Blick auf die Binnenstrukturen der beteiligten Institutionen, zum Beispiel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Für deren Mitarbeiter ist es sicher auch nicht immer einfach, Bewährtes aus Dahlem zugunsten völlig anderer Erzählweisen im Humboldt Forum infrage zu stellen. Das kostet viel Energie, und es braucht großes psychologisches Geschick und Überzeugungskraft, derartige Prozesse des Übergangs zu moderieren. Auch dabei wird uns Neil MacGregor mit seiner Erfahrung und seiner Gabe zu vermitteln zur Seite stehen.

Dennoch gibt es ein Unbehagen am Humboldt Forum und immer mehr Kritik auf vielen Ebenen. Warum?

Vielleicht liegt das auch an den hohen Erwartungen? Wir dürfen das Humboldt- Forum nicht überfordern und überfrachten. Zweifel sind immer mal wieder angebracht. Man muss sie nur produktiv nutzen. Das Humboldt Forum hat zum Beispiel schon durch seine schiere Existenz und noch vor der Eröffnung die Debatte um die Provenienz der Sammlungsobjekte zum gesellschaftlichen Thema gemacht. Das halte ich für unbedingt nötig, denn um das Thema Kolonialismus haben wir uns lange nur wenig gekümmert. Ich werde das notwendige Personal und die Forschungsmittel beschaffen, weil ich die Forschung dazu für unsere nationale Aufgabe halte.

Die Preußenstiftung ist gerade sechzig Jahre alt geworden. Da gäbe es manches zu reformieren.

Dafür ist das Humboldt Forum ein guter Katalysator: Wenn dort interdisziplinär gearbeitet und nicht mehr in herkömmlichen Sammlungsstrukturen, sondern themenbezogen ausgestellt werden soll, dann gerät man an die Grenzen der bisherigen SPK-Strukturen. Die Stiftung wurde 1957 bei ihrer Gründung so gegliedert. Wir sind im 21. Jahrhundert. Mit Hermann Parzinger bin ich aber im Einvernehmen darüber, dass wir die Strukturen an die Herausforderungen der Zukunft anpassen müssen. Fragen nach dem Auftrag, der Rolle und auch dem Stellenwert der Gesellschafter und Aufsichtsstrukturen dieser großartigen Stiftung im nationalen und weltweiten Kontext müssen 60 Jahre nach ihrer Gründung neu gestellt und beantwortet werden.

Wie finden Sie die Rolle des Landes Berlin im Humboldt Forum?

Ich bedaure, dass sich das Land Berlin, so wie es im Moment aussieht, mit der Idee, ein Haus aus einem Guss unter einer Leitung zu formen, noch nicht ganz anfreunden kann. Die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum will sich eigenständig präsentieren. Ich kann nicht erkennen, was Berlin hier vorhat. Es wäre sicher eine gute Sache gewesen, das Museum für europäische Kulturen im Humboldt Forum unterzubringen, aber dafür fehlt jetzt der Platz.

Vieles wirkt unfertig, denken wir nur an den geplanten Neubau am Kulturforum. Haben Sie Ihre Ziele im Amt der Kulturstaatsministerin erreicht?

Das Humboldt Forum, aber auch das Kulturgutschutzgesetz, die Provenienzforschung und das Museum der Moderne sind die wichtigsten Projekte. Und die sind doch gut geglückt. Vieles hängt gesellschaftlich und historisch miteinander zusammen. Ich wollte notwendige Debatten anstoßen. Ich habe beim Kulturgutschutzgesetz viel gelernt, das sage ich auch selbstkritisch. Es war mein erstes großes Gesetzgebungsvorhaben. Dabei ging es immerhin auch um das Menschheitserbe, um Objekte, die verbotenerweise in Deutschland im Handel auftauchen, und darum, dass die Kulturnation Deutschland nach vier Jahrzehnten endlich eine Unesco-Konvention umsetzt, die den illegalen Handel wirksam unterbindet. Das Kulturgutschutzgesetz ging dann ohne Gegenstimme durch Bundestag und Bundesrat.

Es war eine harte Auseinandersetzung mit Teilen des Kunsthandels.

In der Debatte um das Gesetz gab es persönliche Verletzungen, auf die ich gern verzichtet hätte, und wir haben Einblicke in eine Branche gewonnen, die uns allen gern erspart geblieben wären.

Sie sind mit ungewöhnlich hohem Tempo in Ihr Amt eingestiegen. Falls Sie eine zweite Amtszeit bekommen sollten – wäre das für Sie die Zeit der dicken Bretter und der langsamen Bohrungen?

Wir müssen uns um Dinge kümmern, die weniger spektakulär, aber durchaus wichtig sind. Über die Strukturen in den großen Einrichtungen haben wir ja schon gesprochen. Wir sind es der Gesellschaft schuldig, hier behutsam zu modernisieren, mit Respekt für die Menschen, die dort arbeiten, und mit Respekt für große Traditionen. Nachdem das Amt der Kulturstaatsminister 20 Jahre besteht, muss man noch mal die Grundsatzfrage stellen, was Bundeskulturpolitik leisten soll und kann. Es geht ja nicht um einen Reparaturbetrieb für Defizite in den Ländern, sondern um eine Ergänzung. Die Liste ließe sich noch lang erweitern. Es gäbe also noch genug zu tun.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

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