Kultur baut Brücken - auch für Flüchtlinge

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Monika Grütters zum Humboldt-Forum : „Wir müssen bereit sein umzudenken"
Das Humboldt-Forum in Berlin. Die Westseite wurde im Rahmen des «Festivals of Lights» am 13.10.2015 farbig beleuchtet.
Das Humboldt-Forum in Berlin. Die Westseite wurde im Rahmen des «Festivals of Lights» am 13.10.2015 farbig beleuchtet.Foto: dpa/Jörg Carstensen

Der Begriff des nationalen Kulturguts wirkt im Grunde obsolet, wenn wir auf das Humboldt-Forum schauen: Sind Südseeboote, sind Masken aus Kolumbien nationales Kulturgut?

Das ist zu klären: Was ist in Deutschland wichtig? Und was stellt für alle ein Teil des Menschheitserbes dar? Das schließt sich nicht aus. Wo verschwimmen also nationale, religiöse, ethnische Grenzen? Kultur ist maßgeblicher Teil unserer Selbstvergewisserung. Und ist sie der stärkste Integrationsmotor, denn die Kultur zeigt uns, dass die Menschen überall auf der Welt nach dem Sinn des Lebens fragen, nach Geburt und Tod, nach Gott usw. In der Kultur wird deutlich: Uns Menschen verbindet viel mehr, als uns trennt. Im Humboldt-Forum mit seinen außereuropäischen Sammlungen lässt sich genau das wunderbar zeigen.

Was leistet Kulturpolitik angesichts der Flüchtlingssituation in Deutschland?

Wir unternehmen hier auch über die Kultur große Anstrengungen. Es geht zwar zunächst um die Befriedigung der Primärbedürfnisse der geflüchteten Menschen. Aber gerade die Kultur baut Brücken, die Sprache der Kunst ist universell. Wir unterstützen deshalb viele hervorragende Initiativen. So werden Leseecken in den großen Flüchtlingszentren eingerichtet, oder syrische Muttersprachler zeigen auf der Museumsinsel ihren Landsleuten die Kulturgüter ihrer Heimatregionen. Es ist wunderbar, dass so gut wie jede Kultureinrichtung in der Bundesrepublik sich jetzt fragt, was sie dazu beitragen kann, Flüchtlingen zu helfen, ihre kulturelle Kompetenz direkt anzusprechen und sie zur Teilhabe zu ermutigen.

Muss sich diese Frage nicht dringend auch die Stiftung Flucht und Vertreibung stellen, wäre sie nicht permanent mit Personalquerelen beschäftigt?

Ich bedaure diese zumeist negative Wahrnehmung. Es gibt ein Misstrauen, das aus der Gründungsgeschichte der Stiftung erwachsen ist. Auch Kandidaten für den Direktionsposten haben Sorge und Respekt vor dem Einfluss des Bundes der Vertriebenen und einer per se kritischen Medienbegleitung. Dabei ist die Stiftung wichtiger denn je, wenn sie sich noch weiter einem europäischen Geist öffnet. So ist es in der Konzeption angelegt: In der Dauerausstellung wird die Vertreibung der Deutschen im Zentrum stehen, bei der sonstigen Arbeit kann und soll sich die Stiftung einem breiteren Fokus widmen.

Das Humboldt-Forum gewinnt angesichts der weltpolitischen Entwicklungen noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Kann Neil MacGregor, der Primus inter Pares in der Gründungsintendanz, noch etwas ändern oder wird Dahlem einfach nur nach Mitte transloziert?

Wir sind dabei, zum 1. Januar 2016 eine GmbH für den Betrieb des Humboldt-Forums zu gründen. Die Finanzmittel dafür und für eine Stabsstelle sind eingestellt. Der Anspruch ist klar, denn die Baustiftung wird umbenannt. Sie heißt dann „Humboldt-Forum im Berliner Schloss“. Und es gab ein Treffen unserer internationalen Experten, die sich mit MacGregor in Dahlem ausgiebig ausgetauscht haben. MacGregor hat dabei ganz selbstverständliche Fragen gestellt, zum Beispiel: Wo und wie kommt hier der Islam als Thema vor? Die Gründungsintendanz soll und wird sicher vieles neu denken. Ich hoffe, dass die Präsentation der Sammlungen im Humboldt-Forum horizontal, also entlang der großen Menschheitsthemen verläuft und nicht in Säulen – hier ein bisschen Asien, da Afrika, dort Südamerika.

Also ist beim Humboldt-Forum unter Umständen doch mit Verzögerungen und Kostensteigerungen zu rechnen? Die Eröffnung ist für September 2019 geplant. Bleibt es dabei?

Dabei muss es auch bleiben. Aber wann sonst, wenn nicht jetzt sollen wir eine Bilanz des bisher Erreichten ziehen? Und wenn nicht Neil MacGregor und die Gründungsintendanz mit ihrer Autorität und internationalen Glaubwürdigkeit, wer soll es dann tun? Wir haben die einmalige Chance, den gesamten Sammlungsbestand der Stiftung Preußischer Kulturbesitz thematisch aufzuarbeiten. Bei seiner Vorstellung im April hat MacGregor gesagt: Es gibt fünf Orte auf der ganzen Welt, an denen man die Menschheitsgeschichte anhand der Museumsobjekte darstellen kann. Das sind London, Paris, St. Petersburg, New York und Berlin. Und Berlin hat sich seiner Meinung nach hier bisher unter Wert verkauft. Und genau dieser Handlungsdruck hat sich durch die Flüchtlingssituation noch einmal massiv verstärkt.

Was können Sie da jetzt noch tun?

Natürlich haben wir immer den Kosten- und Zeitrahmen im Blick. Aber wenn Neil MacGregor nichts verändern könnte, da, wo es aus seiner Sicht notwendig ist, dann hätte ich ihn für das Humboldt-Forum nicht aus London holen müssen. Wir müssen bereit sein umzudenken und uns eventuell noch einmal umsortieren. Am Ende hängt doch alles miteinander und mit unserer Geschichte zusammen: Kulturgutschutz, Gurlitt, Provenienzforschung und Humboldt-Forum. Hier offenbart sich das Selbstverständnis der Kulturnation Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts.

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