Münchner Haus der Kunst ohne Herr : Okwui Enwezor gibt die Leitung ab

2011 übernahm Okwui Enwezor den Posten von Chris Dercon. Nun muss er sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegen.

Nicola Kuhn
Okwui Enwezor.
Okwui Enwezor.Foto: dpa/Andreas Gebert

Eigentlich wollte das Haus der Kunst 2018 in ruhigeres Fahrwasser gelangen, nachdem das vergangene Jahr ausgesprochen turbulent für die Münchner Institution war: massive Finanzprobleme, Entlassungen wegen Scientology-Verdachts und sexueller Übergriffe. Okwui Enwezor als Direktor war im Herbst ein kaufmännischer Direktor an die Seite gestellt worden, der jedoch ein halbes Jahr später schon wieder abgelöst wurde. Nun geht der Chef selbst, wie jetzt überraschend bekannt wurde. Der Vertrag mit dem aus Nigeria stammenden Kurator wurde bereits zum 1. Juni im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst. Aus gesundheitlichen Gründen, wie es heißt.

Leicht ist dem 54-Jährigen die Trennung nicht gefallen, das spricht auch aus seinem Statement, das er vier Tage nach seinem Abgang veröffentlichte. „Es gibt nie den idealen Zeitpunkt für einen Abschied, aber ich trete zu einem Zeitpunkt zurück, an dem das Haus der Kunst eine künstlerische Position der Stärke erreicht hat.“ Enwezor hatte den Posten 2011 von Chris Dercon übernommen, der an die Tate Modern nach London wechselte. Für München hatte sich Enwezor bereits zehn Jahre zuvor mit der hervorragenden Ausstellung „The Short Century“ zur Kulturgeschichte Afrikas im 20. Jahrhundert in der Villa Stuck empfohlen, die anschließend in Berlin im Martin-Gropius-Bau zu sehen war. Im Jahr darauf leitete Enwezor die Documenta 11 in Kassel, 2015 die Biennale in Venedig, auf der er Marx’ „Kapital“ als Statement gegen die Vormacht des Kunstmarktes vollständig vorlesen ließ.

Auf Enwezors Nachfolger wartet viel Arbeit

Mit Enwezor an der Spitze setzte sich nach Dercon die Internationalisierung des Münchner Haus der Kunst fort. Sein Markenzeichen waren große Ausstellungen wie etwa die Matthew-Barney-Schau „River of Fundament“ und „Postwar“ über die Kunst zwischen Pazifik und Atlantik von 1945 bis 1965 als Auftakt einer Trilogie. Die nachfolgenden Teile „Postcommunism“ und „Postcapitalism“ fallen nun in die Zeit von Enwezors Nachfolger. Bis er gefunden ist, übernimmt Hauptkurator Ulrich Wilmes die Leitung – zusammen mit dem seit April amtierenden kaufmännischen Geschäftsführer Bernhard Spies, der zuvor die ebenfalls finanziell angeschlagene Bonner Bundeskunsthalle saniert hatte.

Auf den künftigen Chef kommen immense Aufgaben zu, denn Enwezors ambitionierte Projekte haben durch teure Transporte und üppige Kataloge Löcher in die Kasse gerissen. Die personellen Auseinandersetzungen des letzten Jahres dürften jedoch überwunden sein. Damals hatte der Verfassungsschutz im Haus ermittelt, da der langjährige Personalverwalter unter dem Verdacht stand, Scientology-Mitglied zu sein. Dann meldeten sich auch noch ehemalige Mitarbeiterinnen, die dem inzwischen entlassenen Personalchef sexuelle Nötigung vorwarfen. Die zum Beistand aufgeforderte Geschäftsführung habe jedoch nicht entsprechend reagiert, hieß es. Als größtes Projekt aber erwartet den Enwezor-Nachfolger ab 2020 die umstrittene Sanierung des Gebäudes durch David Chipperfield, für die das Land als wichtigster Geldgeber 150 Millionen Euro bereitstellt.

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