Museum für Fotografie : Zwischen Peking und Berlin

Explosion der Sinne: Die Ausstellung „Berlin Peking Visual Exchange“ im Museum für Fotografie zeigt Eindrücke aus den Metropolen.

Jakob Wittmann
Gewalt der Natur. „Drawing Board“ (Videoausschnitt) von Li Binyuan.
Gewalt der Natur. „Drawing Board“ (Videoausschnitt) von Li Binyuan.Foto: Li Binyuan

Im zweiten Stock des Museums für Fotografie wird man von zwei Gotteskriegern empfangen. Vor den Palästen der Verbotenen Stadt, die auf roten Mauern in den Himmel ragen, kämpfen sie an seidenen Fäden, die aus dräuenden Wolken fallen. Darunter drängen sich die Menschen wie auf einer überfüllten Kreuzung. Für das mystische Spektakel über ihren Köpfen haben sie keine Blicke übrig.

Die Ausstellung „Berlin Peking Visual Exchange“ zeigt Werke von Absolventinnen und Absolventen der Kunsthochschule Weißensee, der Universität der Künste und der China Central Academy of Fine Arts. Auch der in Berlin und Peking lebende Künstler He Xiangyu, der zurzeit im Chinesischen Pavillon der Biennale in Venedig gastiert, ist vertreten. Es ist keine reine Fotoausstellung, Performancevideos und Installationen gibt es ebenfalls. Darunter sind Überraschungen. Xiangyus Holzobjekt etwa, das in einer beigefügten Fotografie kaum wiederzuerkennen ist: Diagonal in einen Aufzug gezwängt, bleibt von dem Rechteck nur ein Strich.

In einem Fotomosaik zeigt Thomas Koester Aufnahmen aus Moskau, Seoul und Busan, die sich auf unheimliche Art ähneln. Es sind Stadtszenen, auf körnigem Schwarz-Weiß-Film festgehalten, mit starken Kontrasten und kalter Architektur. Die Gesichter der Passanten, die wie zufällig in die Bildausschnitte geraten sind, verstecken sich im Dunkeln.

Die Spannung zwischen Anonymität und dem Überfluss an Sinneseindrücken prägt das Leben in den Städten. Den daraus resultierenden fetischisierten Individualismus der Großstadtjugend komponiert Jannis Schulze in seiner Serie „Hiersein ist herrlich“ zu zeitgenössischen Arrangements. Die Aufnahmen sind radikal subjektiv, so wie – und hier wird der Künstler den Vergleich ausnahmsweise nicht anstößig finden – Instagramfotos. Schulze stellt den Momentaufnahmen dabei stille Naturbilder entgegen, etwa eine Seerose, die rosa und gelb in der Sonne leuchtet.

Der Mensch hat sich schon immer im Verhältnis zur Natur definiert. In der Ausstellung wird das auch im Werk von Li Binyuan durch die Verwendung von Wasser deutlich, dem Element, das für die ungezügelte Kraft der Natur steht. Der chinesische Künstler hält in seinem Video „Drawing Board“ ein Zeichenbrett gegen eine über Betonmauern schießende Flut. Er versucht die Urgewalt abzufangen, scheitert am Ende. Auch in seiner zweiten Videoperformance „2 cm“ sucht Binyuan die Nähe zum Chaos und platziert sich vor einem überdimensionalen Industriesägeblatt. Immer schneller dreht sich die Metallscheibe vor dem Gesicht des Künstlers.

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen den Staatlichen Museen zu Berlin und der Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen kulturellen Austausch. Anlass ist der 25. Jahrestag der Städtepartnerschaft zwischen der deutschen und der chinesischen Hauptstadt. Die in ihrer Größe und Einwohnerzahl sehr unterschiedlichen Städte pflegen in vielen Bereichen enge Kontakte, etwa 18 Schulpartnerschaften. Auch in den Hochschulen findet ein reger Austausch statt, so das duale Masterprogramm für Architektur und Stadtplanung der TU Berlin und der Tsinghua School of Architecture.

In Großstädten treffen unterschiedlichste Lebensentwürfe aufeinander. Traditionen werden gelebt, infrage gestellt. Für die Serie „Familie werden“ stellt Künstlerin Rie Yamada verschiedene Familienkonstellationen dar. In den Bildern ist nur sie selbst zu sehen. Geschminkt und verkleidet rekonstruiert sie Familienfotos aus Japan und Deutschland, die in Sammelalben vor den Werken präsentiert werden. So entstehen teils humoristische Aufnahmen. Teilweise sind es aber auch bedrückende Rollenspiele, in denen die Bedeutung der Familie und die Aufgabenverteilung innerhalb dieser kleinsten gesellschaftlichen Einheit hinterfragt wird.

In dem Panorama von Ye Funa nehmen Frauen aus allen Epochen der Kunstgeschichte an der biblischen Tafel Platz. Kleopatra, Mona Lisa, Marie Antoinette, sie alle werden so von passiv Porträtierten zu aktiven Darstellerinnen ihrer eigenen Ideen. In einer Videoinstallation gibt ihnen die chinesische Künstlerin eine eigene Stimme. Jakob Wittmann

Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, bis 25. 8.; Di–So 11–19 Uhr, Do bis 20 Uhr

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