Die Dauerausstellung heißt nach dem Wörterbuch "Ärschlein bis Zettel"

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Museum Grimmwelt : Wunder halten länger
„Den Mäusen zur freundlichen Erinnerung“. Zeichnung von Ludwig Emil Grimm, dem jüngeren Bruder (1856).
„Den Mäusen zur freundlichen Erinnerung“. Zeichnung von Ludwig Emil Grimm, dem jüngeren Bruder (1856).Foto: Die Andere Bibliothek

Es ist ein elegant terrassierter Blockbau, verkleidet mit hellem Naturstein und gegliedert durch eine imposante Freitreppe, die zur riesigen Dachplattform mit Aussicht hinab ins Tal der Fulda führt. Man steigt so dem 20 Millionen Euro teuren Museum tatsächlich am besten zuerst aufs Dach, bevor man von der Außenwelt in die Grimmsche Innenwelt abtaucht, in den Souterrain zuvörderst, der in Kabinetten, Korridoren, Labyrinthen und einigen wenigen kleineren Hallen die von den Berliner Kuratorinnen Annemarie Hürlimann und Nicola Lepp entworfene Dauerausstellung mit dem Motto „Ärschlein bis Zettel“ präsentiert. Es sind Begriffe aus dem „Deutschen Wörterbuch“, das 1838 begonnen und dann von Grimms Nachfolgeforschern erst 1971 mit einem letzten Quellenband und mit gut 320 000 Stichwörtern (vorläufig) abgeschlossen wurde.

Im begehbaren Knusperhäuschen liegt der listige Wolf im Bett

Inszenierte Zettelkästen (die Grimms selber sortierten bereits rund 600 000 Belege). Mancherlei Sprachfantasien. Für die Ausstellung am ergiebigsten ist indes die Märchenwelt. Im auratischen Halbdunkel hebt es an mit einem der frühesten Exemplare der später ständig erweiterten und neu aufgelegten Märchen (Erstausgabe von 1812), dazu zahlreiche Korrekturen und Ergänzungen von Hand in den dafür eigens eingerichteten Buchspalten. Oder, für junge und alte Kinder, Videos auf Schirmen und Leinwänden von den weltweiten Märchenverfilmungen und ein Knusperhäuschen, in das sich der Besucher hineinducken und an ein Bett setzen kann, worauf der listige Wolf mit Großmutters Tuch um die großen Ohren auf dem Kopfkissen erscheint. So erkennen auch bildungsfernere Zeitgenossen, dass Rotkäppchen nicht nur eine Sektmarke darstellt.

Wunderbar aber ist die wirkliche Entdeckung dieses Jahres: der dritte Bruder Ludwig Emil Grimm! Er hat von 1790 bis 1863 gelebt, ist wie Jacob und Wilhelm in Hanau geboren, hat die beiden Älteren, schon zu Lebzeiten Berühmten vielfach begleitet, ist als Maler und Kupferstecher zudem nach Italien gereist, hat auch in München gearbeitet, doch sein Lebensmittelpunkt war Kassel, wo er auch starb. Zwei kleinere Gemälde Ludwig Grimms zeigen die Anmut der alten Stadt über der Fulda. Natürlich sind auch Ludwig Grimms Porträts der Familie, der Brüder zu sehen und seine Illustrationen der Märchen, mitsamt einem Frontispiz der hessischen Wirtstochter Dorothea Viehmann, die den Brüdern viele Märchen zugetragen hatte.

Aus dem Leben einer liebenswerten Sau

Vor allem aber präsentiert das Museum zwei Hauptwerke des Zeichners. Es sind bis zu acht und zehn Meter lange Bildrollen, ein Mal eine höchst amüsante, von Zwischenfällen und Alltagsabenteuern reich begleitete Reisebildergeschichte. Zum zweiten die „Lebensbeschreibung einer merkwürdigen und liebenswerten Sau“: eine wahre Schweinebio, von der Geburt bis zum rühmlichen Ende als gute Wurst.

Man erkennt hier, dass dieser jüngere Grimm vielleicht kein ganz großer Maler, aber ein überragender Zeichner war. Er hat Wilhelm Busch vorweggenommen und kann auch als Miterfinder des Comics gelten, dank seiner Verbindung von Sprachsketch und Skizze. Die schönste Entdeckung des bis dato bekannten Unbekannten verdankt sich freilich den Autoren Heiner Boehnke und Hans Sarkowicz, die früher schon durch die erste Biographie von Grimmelshausen überrascht hatten. Jetzt haben sie die „Lebenserinnerungen des Malerbruders Ludwig Emil Grimm“ in der Anderen Bibliothek in Berlin herausgegeben (580 Seiten, 79 €).

Es ist nicht einfach ein großformatiger Prachtband, abzulegen als Geschenk und Coffee-Table-Book. Diese reich kommentierte und illustrierte Künstler–Biografie liest sich auch als detailreiches Panorama der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und der junge, zaushaarige Grimm schaut auf einem Selbstporträt 1813 ein wenig aus wie ein Bruder auch Georg Büchners. Kein Wunder, dass eine seiner schönsten, wildesten Farbskizzen vom „Theaterwahnsinn“ erzählt.

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