Museum Voorlinden : Wo die bunten Torten wachsen

Zeitgenössische Kunst für den Sommer: ein Besuch im niederländischen Museum Voorlinden, das vor zwei Jahren in der Nähe von Den Haag eröffnet wurde.

Draußen ist es so schön wie drinnen. Die „Pop Up Bakery“ des Designbüros Weltevree im Park von Voorlinden.
Draußen ist es so schön wie drinnen. Die „Pop Up Bakery“ des Designbüros Weltevree im Park von Voorlinden.Foto: Antoine van Kaam

Fasziniert liegen die Kinder auf dem Bauch und starren auf die Fußleiste, in die zwei kleine Türen eingebaut sind. Mal geht die eine Tür auf, mal die andere. Wie ein Mäuseaufzug. Wo geht die Reise hin? Ein Kunstwerk von Maurizio Cattelan. Oder dieses harmlos dreinschauende Schwimmbecken, tiefblau der Grund. Doch da bewegt sich etwas: Menschen! Ohne Schnorchel. Über eine dezent versteckte Tür gelangt man zu einer schmalen Treppe, die nach unten in einen blauen Pool ohne Wasser führt. Oben am Rand die Leiter. Durch die Wasseroberfläche kann man die anderen Besucher sehen, an Land, unscharf. Das Wasser ruht auf einer Glasplatte, zehn Zentimeter dick – ein Werk von Leandro Erlich.

Und dann das ältere Paar, das sich offenbar am Strand sonnt, er lehnt sich an sie an, hyperrealistische Gestalten unter einem riesigen Sonnenschirm, „Couple under an Umbrella“. Noch im Sitzen sind sie viel größer als der normale Besucher – Riesen von Ron Mueck.

Kinder haben im Museum Voorlinden ihren Spaß und sind zahlreich zu sehen. Noch ist es ein Geheimtipp in Den Haag, einmal einen Ausflug auf dieses Landgut zu machen, im vornehmen Wassenaar zwischen Den Haag und den Dünen. Joop van Caldenborgh, Gründer des Chemie- und Lebensmittelkonzerns Caldic, einer der bedeutendsten Kunstsammler der Niederlande, hat das Anwesen mit der englischen Backsteinvilla von 1912 gekauft, einschließlich 40 Hektar Land.

Glasskulpturen von Roni Horn, ein Raum von James Turrell

Auf diesem Gelände ließ sich van Caldenborgh einen fantastischen Museumsbau für seine Sammlung errichten, der nicht zufällig an Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin erinnert. 120 Meter lang und 50 Meter breit ist der elegante helle Bau von Dirk Jan Postels (Architekturbüro Kraaijvanger), dessen Fassade fast nur aus Glas besteht.

Vor zwei Jahren wurde das Privatmuseum eröffnet. Die großen Fenster geben vom Boden bis zur Decke den Blick auf den Garten frei. Man sitzt auf einer langen Bank und genießt die Natur als Kunstwerk, das hat etwas Japanisch-Meditatives. Durch das Fenster der großen Bibliothek sieht man beschnittene Bäume in Reih’ und Glied, die dort so ordentlich stehen wie die Bücher im Regal.

Ein Drittel der 4.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche ist der Sammlung vorbehalten, ein weiteres Drittel den Wechselausstellungen und das letzte Drittel sechs großen Werken der Kollektion, zu denen neben den bereits genannten Exponaten die Stahlplastik „Open ended“ von Richard Serra gehört. Van Caldenborgh ließ eigens für sie eine schmale Galerie einbauen, damit man die Arbeit auch von oben betrachten kann. Die Glasskulpturen von Roni Horn sowie der Raum „Skyspace“ von James Turrell, in dem man auf edlen Holzbänken ein rechteckiges Stück vom Himmel bestaunen kann, gehören ebenfalls zum Bestand des Museums.

Museum Voorlinden in Wassenaar
Ein Highlight in der Nachbarschaft Den Haags - das private Museum Voorlinden bei Wassenaar zeigt Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Entworfen wurde es von Dirk Jan Postels (Architekturbüro Kraaijvanger).Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: Pietro Savorelli
14.08.2018 15:28Ein Highlight in der Nachbarschaft Den Haags - das private Museum Voorlinden bei Wassenaar zeigt Kunst des 20. und 21....

Die Sammlungspräsentation wechselt, bis zum 11. November werden 45 Künstler unter dem Titel „Stage of Being“ ausgestellt. Die einzelnen Kunstwerke sind klug präsentiert, stellen inhaltliche Bezüge her, wenn etwa Tracey Emins Neonwandobjekt „You promised you love me“ die überdimensionierten Porzellanblätter einer Blume zu Füßen liegen: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht – „Träume eines Schwans“ von Quyinh Dang. Oder die hyperrealistische Nackte von John de Andrea, die mit gesenktem Blick allein vor einer Neonwandskulptur von Jeppe Hein sitzt.

Besonders beeindruckt das Objekt „Through the Wall“ (2016) von Song Dong aus alten Fenstern und Türrahmen aus den alten ummauerten Hutong-Vierteln, die in Peking abgerissen wurden und hier zu neuem Leben erwachen. Die viereinhalb Meter hohe, neun Meter lange Mauer steht sperrig wie ein Riegel im Raum, farbiges, undurchsichtiges Glas bildet mit Rahmen und Türen einen mächtigen Wall. Öffnet man einige Türen und schlüpft in das Objekt hinein, findet man sich in einem unendlichen Spiegelkabinett wieder. Von der Decke hängen unzählige Lampen, die sich ihrerseits unendlich vervielfältigen.

Wayne Thiebaud erstmals mit einer Einzelausstellung in Europa

Joop van Caldenborgh hat Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zusammengetragen. Die Caldic-Sammlung genießt in den Niederlanden und darüber hinaus einen exzellenten Ruf. Voorlinden zeigt auch Wechselausstellungen mit Bezug zu Werken der Sammlung – die aktuelle kündigt sich bereits im Garten des Museums an. Dort trifft der Besucher zuerst auf „Bakery Case“, zwei Pavillons des Designbüros Weltevree. Wer die 15-minütige Busfahrt vom Bahnhof Den Haag und den ebenso langen Fußmarsch durch das Villenviertel gemeistert hat, freut sich über eine Erfrischung unter schattigen Bäumen auf Designermöbeln von Müller Van Severen im Angesicht des Museums. Der Hit sind die hohen Torten in allen Farben, die von den Gemälden Wayne Thiebauds inspiriert sind und nachgebacken wurden. Man verspeist zuerst das Kunstwerk, bevor man die witzigen Tortenbilder des amerikanischen Malers Thiebaud (Jahrgang 1920) betrachtet, neben denen von farbigen Lollipops, Eisbomben und bunten Highheels.

Thiebaud, der hier erstmals mit einer Einzelausstellung in Europa gewürdigt wird, hat sich zeit seines Lebens den scheinbar unbedeutenden Dingen zugewandt. Dabei zeigt er Humor, wenn auf einem kleinen Gemälde drei ziemlich weiße Menschen am Strand auf dem Bauch liegen und in der Sonne braten, während auf dem nächsten Bild zwei Brathähnchen im Bräter präsentiert werden. Sein Pinselstrich ist deutlich, teils reliefartig. Mit scheinbar zeitloser Anmutung hat er den amerikanischen Traum in Pastellfarben festgehalten. Die wenigen Menschen, die er malte, haben sich nichts zu sagen, sind isoliert wie das Paar „Two seated figures“ (1965). Die Torten, die man eben noch verspeiste, erkennt man leicht wieder, der Konditor hat ganze Arbeit geleistet.

Voorlinden, Wassenaar, Niederlande. Täglich von 11 bis 17 Uhr. Eintritt 15 €. Infos: www.voorlinden.nl

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