Musical „Wahnsinn!" in Berlin : Jeden Tag brandneu

Das Wolfgang-Petry-Musical „Wahnsinn!“ im Theater am Potsdamer Platz ist ein Wohlfühl-Erlebnis mit überraschend frisch klingenden Hits des Ruhrpott-Stars.

Mischa Mang als Wolf in "Wahnsinn!".
Mischa Mang als Wolf in "Wahnsinn!".Foto: Hardy Müller

Die Freundschaftsbändchen sind ausverkauft, bevor der Wahnsinn auf der Bühne überhaupt losgeht. Vielleicht haben himmlische Mächte diese Markenzeichen von Wolfgang Petry übergestreift, um ihn vor der Hölle des Oldie-Tingel-Tangels zu bewahren. Der Schlagersänger hat nach 30 Jahren 2006 seine Karriere beendet, ist später als Bluesrocker Pete Wolf zurückgekehrt.

Wunder gibt es immer wieder, auch im Theater am Potsdamer Platz bei der Premiere des Musicals „Wahnsinn!“ mit den Hits von Wolfgang Petry, der damit direkt gar nichts zu tun hat. Auf der Bühne im regenbogenbunten Licht wirken die alten Lieder überraschend frisch und fügen sich mit lässigen, modernen Tanzeinlagen zum echten Wohlfühl-Ereignis.

Unter neuen Vorzeichen haben die Ohrwürmer eine erstaunlich therapeutische Wirkung. In Zeiten von Hass-Raps und populistischer Propaganda setzt sich wie von selbst ein kleines „immerhin“ vor das harmlos, das gern zum Schlager addiert wird. Es geht um einen Vater-Sohn-Konflikt, eine nicht wirklich gewollte 25-jährige Beziehungspause und das kleine Missverständnis am Bettrande – am Ende haben sich alle wieder.

Smartphone-Lämpchen werden geschwenkt wie Wunderkerzen

Dargeboten wird das in wunderbarem Ruhrgebiets-Akzent, der nicht nur für das Trucker-Wirtsleute-Milieu steht, in dem die Geschichte spielt, sondern auch für die solide Einstellung, die dem Leben mit der lakonischen Ironie der Gezeichneten begegnet, die sich nicht unterkriegen lassen. Mit dem Song auf den Pott fängt’s auch an, man könnte allenfalls diskutieren, ob die Seele dort wirklich aus Stahl ist oder eher aus der Glut der Hochöfen. Wenn ein Kerl dem Frauen angrapschenden Guru auf sein überspanntes „Namaste“ ein kerniges „Nagasaki“ entgegenschmeißt, lässt das jedenfalls tief in diese Seele blicken.

Irgendwann wäre man gerne locker genug, einfach mitzusingen. Hölle, Hölle. Hölle! Spätestens bei „Mach’ jeden Tag brandneu“ sprüht die Stimmung zur etwas grellen Lightshow. Und wenn am Ende zu „Du bist ein Wunder“ alle ihre Smartphone-Lampen schwenken wie Wunderkerzen, ist die Hölle wirklich überwunden. Man fragt sich, wie lange es noch bis zum Helene-Fischer-Musical dauern mag. Vorerst kann man bis zum 13. Mai den bunten Kessel Wahnsinn genießen, der sein Publikum mit nützlichen Weisheiten überschüttet, wie dieser: „Meine schlechten Entscheidungen waren alle gut überlegt.“

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