Musikfestival im Wasserspeicher : Das Knirschen des Eisbergs

Experimente bis es knirscht: Limpe Fuchs, Sven-Åke Johansson und Jan Jelinek bringen im Wasserspeicher Improvisierte Musik zur Aufführung.

Jan Jelinek
Jan JelinekFoto: XJazz/Wasserspeicher

Weit entfernt scheint die Welt der ratternden Großstadt, wenn einem in der Dunkelheit eine angenehme Kühle entgegenschlägt und Klänge ertönen, deren verzögerter Nachhall die Wahrnehmung aus dem Gleichgewicht bringt. Wer in diesen Zeiten noch Lust auf Klangabenteuer hat, ist beim Speicher Festival, das zum vierten Mal in dem unterirdischen Gebäude am Wasserturm stattfindet, genau richtig.

Hermetischer Raum zum Wegklappen

Draußen hat man das Nachtleben angehalten, damit sich hier drinnen verdiente Veteranen der europäischen Improvisationsmusik Zeit nehmen können, um in aller Ruhe für ein streng limitiertes Publikum einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufzuklappen. Den Anfang macht am Samstag die Klangkünstlerin Limpe Fuchs aus München, die in den 60er Jahren Schlagzeug studierte, bevor sie mit ihrem damaligen Mann, Bildhauer Paul Fuchs, als Anima-Sound mit freier Improvisationsmusik die Krautrock-Szene aufmischte.

Mit dem Trecker durch Europa

Legendär ist nicht nur ihre Zusammenarbeit mit dem Pianisten Friedrich Gulda, sondern auch ihre Tour mit eigenem Trecker durch Europa, festgehalten in der Film-Doku „Anima-Sound: Mit 20 km/h durch Europa“. Behutsam wandelt die 1941 geborene Musikerin zwischen Klangkörpern umher, singt lautmalerisch vor sich hin und konzentriert sich meist auf einzelne Perkussionsinstrumente wie eine Metallkonstruktion, die an ein riesiges Windspiel erinnert. Dabei ist die Performance keine in sich geschlossene Klangwelt, aber in ihrem intimen Charakter liegt humaner Charme.

Nach einer zweistündigen Pause, die nötig ist, um den Raum zu durchlüften, tritt mit Sven-Åke Johansson noch ein Schlagzeuger auf, der tüchtig an der Musikgeschichte mitgetrommelt hat. Seit 1968 lebt der 77-jährige Schwede in Berlin, wo er zu der Horde wilder Männer gehörte, die teutonischen Freejazz in der Welt berühmt machten. Seitdem ist er als Sänger, Dichter und Komponist von Stücken für Traktoren oder Handfeuerlöscher hervorgetreten.

Liebe zur Abstraktion

Mit dem dreißig Jahre jüngeren Elektrofrickler Jan Jelinek verbindet Johansson eine innige Liebe zum abstrakten Geräusch. Trotzdem sind die beiden unterschiedliche Typen im Wunderland der improvisierten Musik, aber darin liegt auch der Reiz, wenn sie im Wasserspeicher ein gespenstisches Stück für sieben Diktiergeräte und ein Schlagzeugbecken zur Aufführung bringen. Johansson erzeugt mit einem Bogen am Becken scharfkantige Klangflächen, die wie Schreie aus der Unterwelt durch das Gemäuer hallen, während Jelinek mit seinen Diktiergeräten schummrige Lo-Fi-Geräusche versendet. Eine Musik, die auf nichts mehr hinaus will, nur tiefer hinein in das sägende Zischen und flirrende Rauschen.

Magische Momente

Bis das Bild einer Zwischenwelt voller Zwielicht und Nebel entsteht, in dem sich feste Konturen nur erahnen lassen und sich diese Unschärfe in magischen Momenten reiner Stimmung verdichtet – so geheimnisvoll wie das innere Knirschen von Eisbergen. Bricht das Eis oder flüstert das Wasser? Nach 30 Minuten im Wasserspeicher ist der Spuk vorbei.

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