Musikfestspiele in Potsdam : Horaz und das Harmonium

Salonkonzert in der Truman-Villa: Das „Quatuor Bestaendig“ spielt im Rahmen der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci Werke jüdischer Komponisten.

Die Truman-Villa in Babelsberg
Die Truman-Villa in BabelsbergFoto: Andreas Klaer

Unglaubliche 28 Jahre lang hat Andrea Palent die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci geleitet – und dem frühsommerlichen Festival, bei dem in den Prachtbauten der Preußenkönige vor allem Musik des Barock erklingt, zu internationalem Renommee verholfen. Wenn sie nun die Intendanz an die Blockflötenvirtuosin Dorothee Oberlinger abgibt, erbt ihre Nachfolgerin nicht nur den guten Ruf der Musikfestspiele, sondern auch einen ganzen Strauß ungewöhnlicher Konzertformate. Zu den exquisitesten und exklusivsten gehören zweifellos die Salonabende, bei denen Kammermusik so erklingt wie einst im großbürgerlichen Wohnzimmer: nämlich für einen ganz kleinen Kreis von Zuhörern. Und weil jeweils auch noch Alkoholisches und Häppchen gereicht werden, darf sich der Besucher tatsächlich als Gast im noblen Hause fühlen.

Diesmal standen die Schlösser Glienicke und Cecilienhof sowie das Palais Lichtenau als Locations zur Auswahl, außerdem die so genannte Truman-Villa in Babelsberg. Sie hat der US-Präsident 1945 während der Potsdamer Konferenz zwei Wochen lang bewohnt. Und viel Zeit zum Müßiggang wird er kaum gehabt haben. Ein Ort des geselligen Beisammenseins war das repräsentative Landhaus viel früher, ab 1892, als hier der Verleger Gustav Müller-Grothe residierte.

Geige, Cello und Klavier verbinden sich mit dem Harmonium

„Procul negotiis“ steht über dem Kamin, in Verkürzung eines Horaz- Dictums: „Glücklich ist jener, der ferne von Geschäften ist.“ Die Zusammensetzung des „Quatuor Bestaendig“ fügt sich ideal ins wilhelminischen Ambiente: Geige, Cello und Klavier verbinden sich hier mit dem Harmonium, das um 1900 groß in Mode war. Wie eine Orgel im tiefen Register, quetschkommodenhaft in der Mitte und in der Höhe zur Bläserimitation geeignet, wirkt der klingende Kasten, dem der Spieler durch Fußpedale selber Luft verschaffen muss, behäbig. So wie die damalige Einrichtung reicher Leute mit schweren Eichenholzmöbeln, dicken Teppichen und Samtvorhängen.

Werke jüdischer Komponisten hat das Quartett ausgewählt, eine auf maximalen Effekt angelegte Fantasie über Meyerbeers Grand Opéra „Robert le diable“, das Polonaise-Intermezzo und die berüchtigte Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach, die die Musiker nahtlos in Mendelssohns „Hebriden“- Ouvertüre übergehen lassen, sowie eines der wenigen Originalwerke für die skurrile Besetzung. Ein Quartett von beachtlichen Ausmaßen aus der Feder von Otto Bestaendig, 1835 in Schlesien geboren, später lange Chorleiter in Hamburg-Wansbek. Ein tadelloser Tonsetzer mit Faible für außergewöhnliche harmonische Kombinationen ist hier zu entdecken. Andrea Palent sei Dank.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!