Von Liebe ist bezeichnenderweise überhaupt nicht die Rede

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Nach dem Fall Weinstein : Sex, Gewalt – und wo bleibt die Liebe?
Jäger und Beute: Das erste Bild des grausamen allegorischen Zyklus' „Das Gastmahl des Nastagio degli Onesti“ (1487, Prado) von Botticelli.
Jäger und Beute: Das erste Bild des grausamen allegorischen Zyklus' „Das Gastmahl des Nastagio degli Onesti“ (1487, Prado) von...Foto: Mauritius Images

Um jedes Missverständnis zu vermeiden: Nachfolgend geht’s nicht um einen neuen Puritanismus. Der stünde im Internet-Porno-Zeitalter ohnehin auf verlorenem Posten. Selbst die in jüngster Zeit verstärkten Versuche, eine angeblich alternative, „weiblich bestimmte“ Pornografie zu diskutieren und durch Festivals und neue Plattformen zu fördern, wirkt eher scheinheilig. Auch dort geht es nicht vordringlich um Aufklärung, Emanzipation oder künstlerische Gegenbilder, sondern vor allem um erweiterte Märkte. Zu deren Kunden zählen womöglich selbst Frauen, die ihrerseits noch die alten Männerfantasien mitbedienen. Frauen auch, die zu den Millionen Berlusconi- oder Trump-Wählerinnen gehören oder einer demütigend dummen SM- Schmonzette wie „50 Shades of Grey“ zum Welterfolg verhelfen.

Viel eher aber fehlt in der Debatte die Frage, ob eine freie, selbstbestimmte Sexualität zwischen Männern und Frauen (oder gleichgeschlechtlichen Partnern) nicht ein Gespür wieder entwickeln müsste für Scham, Scheuheit, Zartheit. Gar nicht zu schweigen von: Liebe. Von ihr ist bezeichnenderweise überhaupt nicht die Rede

Ein Schlüsselbegriff ist dagegen Respekt. Doch soll Respekt nur zwischen volljährigen Sexualpartnern gelten? Natürlich, sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Delikt und Pädophilie ein Tabu. Aber verletzt eine ansonsten weitgehend tabulose Erwachsenenwelt nicht auch ohne direkte Übergriffe die Welt der Kindheit? Die Welt der erst noch erwachsen Werdenden? Meist vergessen die Debatten über modernes Ehe- und Scheidungsrecht und über die weithin ungebremste Selbstverwirklichung jeder Gendervariante, dass hierzu Kinder, also die Gesellschaft von morgen, als kollateral Mitbetroffene gar nicht gefragt werden. Nicht gefragt werden können.

Statt einer gemeinsamen Welt öffnen sich so plötzlich Parallelwelten. Kommen Kinder mit ihr dann unverhofft doch in Kontakt, kann es zur Katastrophe kommen – wie (beinahe) in Michael Hanekes jüngstem Film „Happy End“, wo ein junges Mädchen im Laptop ihres Vaters in dessen Abgründe blickt. Sie erfährt da etwas über die Beziehung zwischen Männern und Frauen, das Libertinage verheißt, aber kaum Freiheit.

Eine Mischung aus Hilflosigkeit, Übereifer und Bürokratie

Doch zurück zur reinen, unreinen Erwachsenenwelt. Als hilfreich bei der Regelung des respektvollen Geschlechtsverkehrs wird jetzt das Merkmal der „Einvernehmlichkeit“ betont. Juristisch und moralisch diene das ausdrücklich geäußerte Einverständnis beim Sex, beginnend schon bei dessen flirtiver Anbahnung, einer konfliktfreien Begegnung. Neudeutsch: auf „Augenhöhe“.

An amerikanischen Universitäten werden darum häufig schon schriftliche Abmachungen zwischen möglichen Sexualpartnern gefordert, vor allem seit „sexual harassment“ (sexuelle Belästigung) dort zum gängigen Topos bei Anschuldigungen gegenüber Lehrenden oder zwischen Studierenden geworden ist. Unlängst hat auch in der „Zeit“ ein Autor zivilrechtliche Verträge zwischen Mann und Frau in allen einschlägigen Lebens- und Liebeslagen gefordert. Als könne oder wolle jeder und jede immerzu einen Katalog von erwünschten oder nicht erwünschten Kontakten und Praktiken mit sich führen und – beim ersten Bier, beim ersten Kuss ? – sich das alles vom Partner gegenzeichnen lassen. Wobei es mit wechselnden Stimmungslagen dann wohl jeweils neuer Vertragsvarianten bedürfte.

Auch das ist keine Satire. Es entspringt vielmehr einer Mischung aus Hilflosigkeit, Übereifer und einem technokratisch-bürokratischen Verständnis sinnlicher „Beziehungen“. Wie vorausahnend hat Botho Strauß 1981 in seiner bis heute glänzenden essayistischen Prosasammlung „Paare Passanten“ über das Wort „Beziehungen“ geschrieben: „So handelsplatt wie es klingt, sucht es den Umgang mit der gründlichen Gefahr, welche die Liebe ihrem Wesen nach für das Gemeinwohl darstellt, künstlich zu ernüchtern und eine Berechenbarkeit hineinzubeschwören in eine Sphäre, die noch immer die ursprünglichste, undurchdringlichste und verschlingendste des Menschen ist.“

Tatsächlich bedeuten Liebe und erotisches Begehren immer eine Entgrenzung. Also auch eine (potenzielle) Grenzüberschreitung. Sie beginnt mit dem Flirt und hat zu tun mit der (wechselseitigen) „Verführung“, einem Motiv – vom „Kamasutra“ über die gesamte Weltliteratur und durch die Geschichte von Theater, Oper und Film bis hin zum Schlager, Chanson, Popsong. Der Wahnsinn der Liebe, die amour fou, der Bruch von Herzen, der Zusammenklang von Leiden und Leidenschaft, das alles transzendiert freilich die sexualpolitische Korrektheit. Darum ist alles viel komplizierter. Wenn es um Sex und Liebe geht. Und nicht nur um die lieblosen Schweinereien der Weinsteinzeit.

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