• Nach dem NSU-Prozess: Wir haben weder unsere Vergangenheit, noch unsere Gegenwart bewältigt

Nach dem NSU-Prozess : Wir haben weder unsere Vergangenheit, noch unsere Gegenwart bewältigt

Während Seehofer sich über die Abschiebungen freut, wird Beate Zschäpe schuldig gesprochen. Beides zeigt den großen Unterschied, der zwischen Menschen in Deutschland gemacht wird.

Deniz Utlu
Demonstrierende halten bei einer Kundgebung Schilder mit Porträts der NSU-Opfer.
Demonstrierende halten bei einer Kundgebung Schilder mit Porträts der NSU-Opfer.Foto: Lino Mirgeler/dpa

Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Menschen in unserer Gesellschaft. Einen Unterschied zwischen den einen, die potenziell auf der Zehntausender-Todesliste des NSU stehen und denjenigen, die nicht auf dieser Liste stehen. Den einen, denen in den Kopf geschossen wird, weil sie weniger als Mensch zählen sollen, und diejenigen, die – scheinbar und vorerst – sicher sind vor den Kopfschüssen der Entmenschlicher.

Ein Unterschied zwischen den einen, deren Trauer und das große Unrecht, das sie erfahren, nicht oder spät oder zu spät anerkannt wird und denjenigen, die sich dieser Anerkennung gewiss sein können. Es gibt die Geschützten in unserem Land, und es gibt die Ungeschützten.

Der große Unterschied ist nicht kulturell. Es geht nicht darum, dass Menschen aus einem anderen Kulturkreis ermordet wurden. Darum ging es bei Nazis nie – nicht bei Altnazis und nicht bei Neonazis. Deutsche haben Deutsche getötet. Die Fremden sind Fremdgemachte.

Keine Frage der Herkunft

Der große Unterschied ist nicht herkunftsbezogen. Das, was „uns“ zu „wir“ und „sie“ macht, hat nichts mit Migration oder Religion zu tun, nichts mit Islam oder Judentum, nichts mit Bräuchen, Traditionen oder kultureller Differenz. Es hat einzig und allein damit etwas zu tun, dass eine etablierte Wertigkeitshierarchie zwischen den Menschen existiert – über Jahrhunderte brutal etabliert. Eine Hierarchieordnung, die getragen wird – auch wenn sich viele dagegen wehren – von einem, wie immer brüchigen, gesellschaftlichen Konsens. Diese Hierarchie in der Wertigkeit der Menschen heißt Rassismus, wenn das Kriterium eine erfundene biologische, kulturelle oder physiognomische Andersartigkeit ist. Sie ist eingeschrieben in Macht – in staatliche, mediale, öffentliche Dominanz.

Nicht erst seit der Wahl der AfD in den Bundestag und rechtspopulistischer Regierungen in Europa, aber seitdem verstärkt, stellen Stimmen in politischer und medialer Öffentlichkeit immer ungehemmter die Systeme infrage, die vor dieser brutalen Hierarchieordnung schützen sollen. Einige Tage vor dem Urteilsspruch im Zschäpe-Prozess (es ging ja nicht um den NSU, sondern um Zschäpe) feierte der Innenminister seinen 69ten Geburtstag damit, dass 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben wurden, von denen ein 23 Jahre alter Mann einige Tage später in den Freitod ging.

Nur bestimmte Menschen werden betrauert

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es hat etwas mit dem großen Unterschied zu tun, aufgrund dessen die einen geschützt werden und die anderen verdächtigt. Aufgrund dessen nicht am radikalen Rand, sondern in der Mitte unserer Gesellschaft, die einen betrauert werden und über die Rettung der anderen abgewogen wird.

All die Jahre Gerede über Integration und Differenz war ein teures – gerechnet in Geld und Menschenleben – Manöver, das uns abgelenkt hat von dem eigentlichen Schmerzpunkt: Wir – und ich sage wir! – haben weder unsere Vergangenheit bewältigt noch unsere Gegenwart.

Für manche ist Aufklärung eine Frage des Überlebens

Wir wissen nicht, wie groß der NSU-Komplex ist, wir wissen nicht, wie viele Todeslisten da draußen herumschwirren und wie viele Nazis jetzt gerade ihre Waffen putzen. Wie viele Polizistinnen und Polizisten und Mitarbeitende von Geheimdiensten weiter wegsehen oder Beweismittel und Indizien beseitigen, nicht um die Verletzbaren zu schützen, sondern die Verletzenden.

Wir wissen das alles nicht, denn es gibt einen großen Unterschied. Nur die einen müssen in Gefahr leben; für sie ist Aufklärung eine Frage des Überlebens für die anderen eine Frage des Interesses. Ob das Land, in dem wir leben, ein funktionierender Rechtsstaat ist, in dem Menschlichkeit etwas zählt, misst sich alleine daran, wie sicher hier die Verletzbaren hier leben.

Und sie werden nur dann sicher sein können, wenn ihre Verletzlichkeit endet, wenn Todeslisten nicht mehr vorstellbar sind, wenn die Lebensgefahr der einen genauso schrecklich ist, wie es die Lebensgefahr für die anderen wäre, wenn – endlich – durch unnachgiebige Ehrlichkeit der große Unterschied aufgehoben ist.

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